Warum der Westen wieder nichts gelernt haben wird

Rede der finnisch-estnischen Schriftstellerin Sofi Oksanen bei der Internationalen Konferenz zum Thema „The Legacy of Totalitarismus Today” am 12. Juni 2014 in Prag

Sofi Oksanen: Wissen ist eine billige und allgemein verwendbare Waffe
(Übersetzung – englischer Originaltext erschienen auf “upnorth.eu” – deutsche Fassung von Euromaidan)

Im Folgenden ist der Wortlaut der Rede von Sofi Oksanen bei der Internationalen Konferenz zum Thema „The Legacy of Totalitarismus Today“ (Das Erbe des Totalitarismus heute) im Parlament der Tschechischen Republik am 12. Juni 2014: Ursprünglich von “The European Platform for European Memory and Conscience” (Europäische Plattform für die europäische Erinnerung und Bewusstsein) veröffentlicht.

“Im Laufe dieses Frühjahrs haben die westlichen Medien mir ständig die gleichen Fragen gestellt, von Land zu Land und von Interview zu Interview:

Was will Putin?
Welches ist das nächste Land, das angegriffen wird? Wer ist der nächste?

Diese beiden Fragen enthalten schon die Vermutung, dass Russland die Krim nie an die Ukraine zurückgeben wird. Ich sage das, weil kein Journalist mich jemals gefragt hat, wann die Invasion der Krim beendet wird; und es scheint mir, sie brauchen nicht zu fragen, weil sie nämlich bereits glauben, dass es nie passieren wird, und ich bin sicher, wenn jeder das so macht, eben daran zu glauben, dann wird es in der Tat nie passieren. Sie fragen auch deswegen nicht, weil sie die Geschichte der Krim-Invasion nicht mehr verfolgen, denn ihr Interesse an dieser Geschichte verschwand bald nach der illegalen Annexion der Halbinsel durch Russland. Vielleicht hat die traditionellen Dramaturgie des westlichen Nachrichtenjournalismus daran die Schuld, denn sie folgt immer der Gestalt, die dem Vorfall ein Gesicht gegeben hat, in diesem Fall Putin, und das machte ihn zum Protagonisten der Geschichte. Und wenn sein Fokus absichtlich umgeschaltet wird auf andere Themen, dann folgen die Medien dem und lassen die Krim aus dem Blickwinkel verschwinden. Oder hat die Öffentlichkeit die Halbinsel schon vergessen, weil der Hype schon auf der östlichen Ukraine lag, mit einer sichtbaren Wirkung, einfach zu verkaufen, und ist sie damit den Wünschen Moskaus gefolgt?

Oder ist der Grund für das verlorene Interesse die grausame Tatsache, dass der Westen einfach nicht gut genug über die Halbinsel Krim weiß, um sich darum zu kümmern, und die meisten Menschen den Ort noch nie besucht haben? Wäre das Verständnis ein anderes, wenn der Protagonist der Invasion nicht Putin sondern ein Krimtatare wäre, der gezwungen wurde, seine Heimat zu verlassen und in andere Teile der Ukraine zu fliehen? Oder wenn die Hauptfigur ein örtlicher Oberschüler wäre, dem nicht mehr erlaubt ist, in seiner Muttersprache zu studieren?

Oder können wir einfach die Schuld der Tatsache zuschreiben, dass Russland es sehr schwer gemacht hat, eine Berichterstattung von der Krim zu bekommen, zumindest für westliche Medien? Oder liegt es daran, dass die westlichen Medien den Vorgängen auf der Krim nicht gefolgt sind, noch bevor die Situation schon sehr erhitzt war, so dass sie eigentlich den Beginn der Invasion nicht mitbekommen haben, denn tatsächlich geschah das alles ja schon eine lange Zeit vorher. Russland hatte schon viel früher Einflussagenten dorthin geschickt und eine Änderung der Haltung in eine anti-ukrainische und anti-westliche bewirkt. Das ist die Geschichte, die die westlichen Medien verpasst haben, aber so war die Geschichte, die zumindest später hätte berichtet werden sollen.

Das Bild, wie eine Invasion in ein Land geschieht und was in dem Land passiert, vorher und nachher, würde dem Leser Informationen über die Tatsache geben, dass eine Besetzung immer durch psychologische Kampagnen des Hasses begleitet wird, und nach der Besetzung geht es immer mit einer mentalen Besetzung einher, die eine Änderung der öffentlichen Werte und Bildungsinhalte bewirkt, die Kultur der Ureinwohner von der Landkarte fegt.

Die Berichterstattung über internationale Krisen schrumpft jedoch immer auf die Reden von Präsidenten und Diplomaten und der handelnden Kräfte zusammen. Es war für Moskau leicht vorherzusehen, wie schnell die Halbinsel Krim im Ausland vergessen werden würde, da Russland viel Erfahrung mit gewaltsamen Annexionen hat, ebenso wie die ehemaligen Sowjetrepubliken Erfahrung damit haben.

Diese wiederkehrenden Fragen zu den Spekulationen über Putins Absichten und das nächste Ziel besagen auch etwas anderes: Das nächste Ziel ist schon da, und es ist eine Betonfläche oder ein Staat, wir wissen einfach noch nicht, welcher. Diese Vermutung basiert auf altmodischen Bildern der Kriegsführung. Zur gleichen Zeit wiederholt der Westen unbewusst genau die Fragen, von denen die Moskauer Oligarchen wollen, dass der Westen sie wiederholen soll. Sie wollen, dass wir über Putins Absichten spekulieren und damit das Putin-Mythos bestärken. Sie wollen, dass wir unsere Köpfe mit dieser Art von Grübeleien füllen, da auf diese Weise der Westen in einen Zustand der Unsicherheit und Verwirrung gebracht wird, was für Russland bequem ist. Das klassische „Teile und herrsche“ funktioniert immer, und alle anderen Staaten sehen sich gezwungen, über ihre eigene Sicherheit nachzudenken, denn wer möchte schon der nächste sein. In dieser Situation hat die Umkehrung der Invasion auf der Krim nicht viel Bedeutung.

Die stille Akzeptanz der Annexion der Krim lässt unweigerlich die Frage unter all den Nachbarländern Russlands aufkommen: Wie würden die anderen reagieren, wenn auch ein Teil unseres Landes von Russland besetzt wird? Würde das genauso geräuschlos akzeptiert werden, und wie schnell? Demonstrationen dagegen es würde wohl nur von den im Ausland lebenden eigenen Staatsbürgern geben. Es würde keine internationale Bewegung entstehen, um das gestohlene Land zurückzubekommen. Die Invasion würde einfach nur passieren, und man würde sie geschehen lassen, weil die meisten der Nachbarländer und der ehemaligen Sowjetländern Kleinstaaten sind, die die meisten Westler noch nie besucht haben, oder gar nicht in der Lage sind, sie auf der Landkarte zu finden. Es ist schwer, den Schlaf für solcherlei Gegenden zu verlieren, und dadurch, dass es keine Nachrichten mehr zur Krim in den lokalen Zeitungen gibt, wird das Problem einfach durch Vergessen akzeptiert.

Die Art und Weise, wie andere Länder auf die Invasion der Krim reagieren, ist eine Botschaft an uns, die Bürger der Nachbarländer und Osteuropas.

Was aber ungefragt bleibt, ist die Frage, gegen was oder wen ist eigentlich Putins Russland seit seiner Himmelfahrt im Krieg?
So ist der menschliche Geist. Die westlichen Werte und das westliche Auge. Die Putin-Clique kämpft schon lange genau dagegen an.

Zurück zum Militarismus

Nach Putins Aufstieg zur Macht gehörte zu seinen ersten Aktionen die Anordnung der Immunität vor Strafverfolgung für Ex-Präsident Jelzin, eine neue Militärdoktrin, die Wiedereinführung des obligatorischen Waffentrainings, die Erhöhung der Verteidigungsausgaben um 50% und ein Gesetz, dass bestimmte Beamte Informationen verschweigen können. Putins erste Verordnungen betrafen nicht Faktoren, die als Zielvorgabe die Stärkung der Demokratie des Staates oder die Verbesserung der Lebensbedingungen für die Bevölkerung hatten, die von Armut gebeutelt wird. Sie hatten die Militarisierung des Staates zum Ziel. Trotzdem konzentrierten sich die westlichen Staats-und Regierungschefs darauf, Russlands Schritte in Richtung Demokratie zu loben. Bereits während seiner ersten beiden Monaten im Amt gab Putin 11 Erlasse heraus, von denen sechs die Streitkräfte betrafen. Jetzt erhalten die Streitkräfte 25% des Staatshaushaltes, in den nächsten zwei Jahren wird diese Zahl 33% sein. Mindestens 70% der höheren Beamten in Russland sind Teil des FSB, und von mindestens 200 000 Menschen ist bekannt, dass sie für ihn arbeiten.

Putins Aufstieg zur Macht bedeutet nicht nur einen neuen Führer für das Land sondern ein neues System der Macht. Dieses System konnte man damals schon erkennen. Selbst Stalin, der seit seinem Tod (1953) praktisch verbannt war, wurde ausgegraben. Die Rehabilitation dieses Diktators begann mit der Wahl Putins: einer der Wahlkampfslogans des künftigen Präsidenten war „junger Stalin“. Die nächste Gesicht von Russland war ein KGB-Mann der dritten Generation, indem er seine ehemaligen KGB-Freunde in Schlüsselpositionen hievte.

Zu einem Zeitpunkt, als der Kreml begann Druck auf die Medien auszuüben, befanden sich die Medienhäuser im Westen in einer Krise. Die westlichen Medien schlossen ihre Büros in Moskau, und Korrespondenten wurden nach Hause geschickt. Für die westlichen Länder war Russland nicht mehr wichtig genug, um eigene Korrespondenten vor Ort zu haben, noch haben sie ihr Augenmerk auf Russlands Aufbau einer Informationsfront Stein für Stein gerichtet, auch wenn die Betätigung als unabhängiger Journalist in Russland praktisch ein Weg war, Selbstmord zu begehen.

Die Budgets der russischen Nachrichtenagenturen wurden zu einer Zeit verdreifacht, als das Land bereits wirtschaftlich stagnierte. Im Jahr 2005 wurde der erfolgreiche englischsprachige Fernsehsender RT, Russia Today, aufgebaut. Die Sendungen werden in hundert Ländern gesehen, und man findet ihn in verschiedenen Ländern in den meisten Hotels in der Kanalauswahl. Westliche Werbeagenturen, wie Ketchum, Gplus und Portland PR wurden rekrutiert, die dafür sorgen sollten, dass Kreml-genehme Nachrichten im Westen ohne Nennung ihrer Hintergrundverbindungen verbreitet werden. Neben den Werbeagenturen, Medien und unmittelbarer Propaganda hat Moskau Netzwerke mit der westlichen extremen Rechten und den Konservativen aufgebaut. Im Jahr 2011 gab Russland 1,3 Milliarden Dollar mehr für internationale Propaganda als für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit aus.

Zur Zeit wird den Bürgern Russlands eine Reihe von Werten und Konzeptionen von Geschichte eingetrichtert, die für den Westen feindlich sind. Russland befürwortet seit Jahren eine neue Geschichtspolitik. In dieser neuen Politik spielen Fakten keine Rolle, nur Ideen, deren Zweck es ist, die patriotischen Gefühle und den Nationalstolz zu wecken. Russlands Geschichte-Task-Force bereitet derzeit eine Neuauflage von Schulbüchern vor, und das Projekt wird von dem ehemaligen Duma-Sprecher Sergej Naryskin angeführt, einem ehemaligen KGB-Offizier.

Vor kurzen führte man in Sibirien eine neue Alphabetstafel ein, die an Schulen im ganzen Land verteilt werden soll. Mit diesen Tafeln werden den Kindern gleichzeitig mit den Buchstaben die moralischen Werte im Unterricht beigebracht: alle positiven Dinge drehen sich um Patriotismus und Russland, alle negativen Dinge sind mit dem Westen, der Ukraine und dem Euromaidan verknüpft. Wikipedia wurde natürlich bereits als eine Erfindung der CIA bezeichnet.

Alle diese Vorgänge zeigen ein Bild von einem Staat, für den die Kontrolle der Landmassen nicht mehr genug ist, die Kontrolle erstreckt sich auch auf Wissen und Werte. Das ist die Geopolitik des Wissens und der Werte.

Und so erhalten die Menschen eine Botschaft: Nur der Staat bietet seinen Bürgern zuverlässige und sichere Informationen. Umfragen zufolge akzeptieren die meisten Bürger, dass der Staat die Gestaltung der Nachrichten in Fällen von nationalem Interesse übernimmt.

Bald wird die Nation noch mehr akzeptieren, denn nach 2011 wurde das Budget für Bildung um 30% gesenkt. Nach Angaben des Oppositionsführers Boris Nemzow ist den russischen Budgetzahlen zu entnehmen, dass sich das Land auf Krieg und Unterdrückung vorbereitet. „Putin braucht die Intelligentsia oder gebildete Menschen nicht mehr. Diese Art Leute stellen unnötige Fragen, und es ist schwieriger, sie in Zombies zu verwandeln,“ so Nemzow. Der Präsident von Russland liebt anscheinend die Dummen, die mit ihrer Gesundheit zu tun haben, Alkoholiker und Menschen mit sexuell übertragbaren Krankheiten, denn auch wenn die Zahlen für diese Bereiche nicht gerade schön sind, so es gab keine Erhöhungen für Bildung, Gesundheit oder Infrastruktur. All das Geld wird an die Armee geleitet, und dies wird durch die Erstellung von Bildern von feindlich gesinnten imaginären Gegenern aus dem Westen gerechtfertigt.

Die Silowik-Clique von Moskau hat schon verstanden, dass es für Putin nicht mehr sinnvoll ist, die Unterstützung der städtischen Russen zu suchen, die fließend Fremdsprachen sprechen und die Welt außerhalb Russlands gesehen haben. Aus diesem Grund bemühen sich die Silowiki um die Unterstützung der konservativen und älteren Bevölkerungsgruppen, die für die staatliche Propaganda empfänglicher sind. In der gleichen Weise hat die regierende Elite bereits erkannt, dass Gehirnwäsche viel billiger ist als die physische Modernisierung der Armee. Das ist genau der Grund, warum es sinnvoller ist, in sie zu investieren, sowohl im Inland als auch im Ausland, und warum es bereits von geringerer Bedeutung ist, die physische Armee in einen Top-Zustand zu versetzen.

All dies wird durch die Tatsache ermöglicht, dass Russland zum ersten Mal in seiner Geschichte rein von den Nachrichtendiensten geführt wird. Während der Zeit der Sowjetunion stand die Partei über dem KGB, jetzt gibt es sie nicht einmal mehr. Einige russische Wissenschaftler glauben, dass zum Beispiel Juri Andropow nicht im Traume daran gedacht hätte, den KGB an die Regierung zu bringen, obwohl er selbst ein KGB-Führer war. Die Ohrana des Zaren und der KGB waren dazu da, um die Regierung und die Nation zu schützen, aber nicht die Regierung zu sein.

Wissen ist eine billige und allgemein verwendbare Waffe

Während in der Sowjetunion wissenschaftlicher Kommunismus studiert wurde, ist in Putins Russland jetzt ein wissenschaftlicher Patriotismus Futter für die Menschen. Nach Putins Aufstieg zur Macht wurde Propaganda und Informationskrieg zu einer akademischen Disziplin. In den letzten Jahren sind zahlreiche einschlägige Forschungszentren eingerichtet worden. Der wissenschaftliche und methodische Verband der Hochschuleinrichtungen der Russischen Föderation für Informationssicherheit, mit 74 Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen, wurde auf Initiative des FSB gegründet. Nach der im Jahr 2000 geschaffenen Informationssicherheitsdoktrin gehören zu den wichtigsten Bedrohungen des Staates das Verbreiten von Desinformationen über Russland und seine Beamten. Und weiterhin ist die Verwendung von “Soft Power” mit der Russkiy-Mir-Stiftung vertreten, die im Jahr 2007 auf Putins Initiative gegründet wurde. Ein Jahr später kündigte Außenminister Lawrow an, dass die nationale Politik Russlands durch Soft Power entwickelt würde und Russkiy Mir wäre eine der Formen dafür. Ihr Zweck ist, die westlichen Werte außerhalb von Russland in Frage zu stellen.

Präsident Putins Kampagnen in den letzten Jahren waren darauf ausgerichtet, Informationsangriffe des Westens zu neutralisieren. Aus der Sicht des Moskauer Silowik-Clique steht Russland bereits seit Jahren unter einem westlichen Informationsangriff, und die Zusammenstellung von Russlands eigenen Informationen ist die Antwort darauf. Um diese Art von Aktionen, und wie weitreichend sie sind, zu verstehen, muss man sich an die gleiche Lage in der Sowjetunion erinnern, Russland befindet sich ständig in einem Informationskrieg – während Krieg und Frieden, nicht nur in Krisensituationen.

Die ideologische Grundlage stützt sich stark auf eine geopolitische Doktrin. Demnach ist Wissen eine gefährliche Waffe. Es ist universell und kümmert sich nicht um nationale Grenzen. Wissen ist leicht zugänglich und einfach zu nutzen. Es ist auch billig im Vergleich zu harten Waffen. (Das Ziel der psychologischen Kriegsführung ist es, Staaten zu helfen, ihre Ziele im In- und Ausland zu erreichen, sie ist leicht auf einen Punkt zu konzentrieren und je nach der Zielvorstellung gestaltbar.)

Die aktuelle psychologische Kriegsführung basiert auf Praktiken und Techniken, die zu Sowjetzeiten entwickelt wurden. Diese Techniken der Beeinflussung und Führung von Personen wurde bereits getestet und für wirksam befunden. Eines der neuen Verfahren ist die Verwendung einer professionellen Trollarmee, die im Internet und Sozialen Medien Kommentare schreibt. Professionelle russische Schauspieler haben kaum Zeit, um die Farbe ihrer Haare zu trocknen, wenn sie von einer ukrainischen Stadt zur nächsten kommen, um als “besorgte Einheimische” aufzutreten und Erklärungen abzugeben. In den Medien gibt es immer wieder Bezugnahmen auf Konzentrationslager und das nationalsozialistische Deutschland. Zuletzt zeigte das nationale Fernsehen Russlands eine ganz normale Baustelle in Donezk und behauptete, es handle sich um ein Konzentrationslager für die russischsprachige Bevölkerung. Die Reportage wurde mit ominöser Musik und trüben Bildern von einem Duschraum unterlegt. Diese Reportage des TV-Journalisten Arkady Marmontow wurde direkt nach einer Erklärung des russischen Außenministeriums (am 27.4.) gezeigt. Tiefe Besorgnis wurde im Zusammenhang mit Baustellen erhoben, die nationalsozialistischen Konzentrationslagern ähnlich seien.

Russland kämpft in diesem umfassenden Informationskrieg an allen Fronten der Gesellschaft, und die Mittel sind klar: Provokation, Einschüchterung, Projektion und Propaganda. Trennen, verwirren und erobern. Auch wenn die Modernisierung der Armee nicht gerade als der erfolgreichste Bereich dieses Kreuzzugs gegen den Westen erkennbar ist, in seinem Informationskrieg ist Russland sehr post-modern und progressiv. Es versteht es, alte, bewährte, effektive Methoden mit neuen Werkzeugen zu verknüpfen. Der Informationskrieg ist selektiv, unerwartet und überraschend und nicht überraschend zugleich und auch diskontinuierlich und kontinuierlich zugleich. Das Ziel ist ein langfristiges, und wir haben keine Informationen über seine lang anhaltende Wirkung.

Stattdessen versteht Moskau auch, dass es auch in Zeiten der modernen Medien möglich ist, Vrogänge wie das Tiananmen-Massaker aus der nationalen Erinnerung auszulöschen. Wir wissen darüber, die Chinesen in ihrem eigenen Land aber nicht, und trotzdem ist dieses China immer noch ein willkommener Partner für den Westen. Wir, die wir persönliche Erfahrungen aus der Zeit der sowjetischen Besatzung haben, wissen, dass auch eine Besetzung der Außenwelt in einer Weise dargestellt werden kann, die völlig freiwillig erscheint.

Wir wissen, dass der Westen voll von Menschen war, die dachten, dass die Kollektivierung in der Sowjetunion allein auf freiem Willen basierte, und diese Leute sind sehr überrascht, wenn sie feststellen, dass die Wahrheit das genaue Gegenteil war. Wir wissen, dass das Rückgrat, die Werte, die Erinnerungen und die Geschichte einer Nation von der Landkarte getilgt werden können. Das ist der Grund, warum wir nicht lachen, wenn wir die Propagandaparolen in der Ostukraine vernehmen, die im westlichen Auge ziemlich lächerlich erscheinen mögen. Während der sowjetischen Besatzung war unser Alltag von einem Jahrzehnt zum anderen voll von lächerlichen Propagandaparolen.

Die Moskauer Macht-Clique hat schon erlebt, wie leicht ihre Nachahmung von Demokratie im Westen geglaubt wird. Auf die gleiche Weise wurde der Sowjetunion erlaubt, eine Freundschaft zwischen den Nationen zu imitieren, und auch wenn viele außerhalb der Sowjetunion nicht daran glauben, sie gaben sie es dennoch vor. Moskau wusste, dass der Westen das Spiel der Demokratie geglaubt hat, weil der Westen das glaubt, was einfach und praktisch ist für die Handelsbeziehungen, egal wie stark Fakten und eklatante Beweise dagegen sprechen. Moskau war sicher, dass der Bluff durchgehen würde, da es so etwas ja vorher schon gemacht hatte.

Zur gleichen Zeit waren die osteuropäischen und baltischen Ländern seit Jahren in verschiedenem Grad Ziele der Aggressionen, und erst recht Georgien, dessen westliche Orientierung Moskau nicht passte. Diese Länder haben kontinuierlich erlebt, dass Moskau sie zu imaginären Staaten erklärt, die eigentlich kein Recht auf Unabhängigkeit haben. Dass es nicht zur Besetzung der baltischen Länder kam, erklärt sich von selbst. Schon vor seiner Präsidentschaft half Putin im Jahr 1993 bei der Organisation eines Referendums in der russischen Sprachzone von Narva im Osten Estlands. Ziel des Referendums war die Autonomie.

Allerdings genoss die Volksabstimmung von Narva damals nicht die Unterstützung des Kreml und sie ist als eine Initiative gegen die estnische Verfassung gescheitert.

In Estland spricht man über eine Art „Informationsraum“, wo Russen und auch estnische Russen leben, weil sie den russischen Medien und damit der staatlichen Propaganda als Hauptquelle für Nachrichten folgen. Der Begriff “Informationsraum” sollte ein Teil des Wortschatzes auch in anderen Ländern werden. Seine Folgen waren zum Beispiel (am 24.5.) in Sillamägi in Estland bei einem traditionellen slawischen Festival zu sehen, wo die ukrainischen Jugendlichen beim Prozessionsmarsch von Russischsprachigen angegriffen wurden. Dieser Vorfall ereignete sich in einem EU- und NATO-Land. Der russische “Informationsraum” ist auch hier infiltriert worden, und es ist jetzt notwendig, Maßnahmen zu ergreifen, um ihn zu demontieren.

Die Zeit von Identifikationen

Die postmoderne Zeit im Westen war eine Zeit unterschiedlicher Identifikationen: Das Erkennen einer Depression ist ein Problem in der Psychologie, Gender-Studien haben ein Licht auf die Anerkennung der Ungleichheit geworfen, und überall wird die Identifizierung von Rassismus und Antisemitismus als wichtig angesehen. In Finnland ist viel über die Identifizierung von Mobbing am Arbeitsplatz und in der Schule geredet worden. Man hat verstanden, dass Fehler in der Gesellschaft nur gelöst werden können, wenn sie sichtbar gemacht und offen diskutiert werden. Die Identifizierung von Fehlern und Analyse der Strukturen, die sie unterstützen, kann schwierig sein, da die dominierende Wahrheit und Konzeption immer auf der Seite der Macht ist. Diese Partei kann immer dafür sorgen, dass ihre Stimme gehört wird, und sie kann definieren, was „natürlich“ ist. Zum Beispiel erschien es noch vor gut hundert Jahren unnatürlich, Frauen das Stimmrecht zu geben. Jetzt können sich nur noch wenige etwas natürlicheres vorstellen. Der Abbau von Mythen, die zur Unterdrückung dienen, kann Jahre harter Arbeit bedeuten.

Die Entkolonisierung der Sowjetunion wurde Osteuropa und den baltischen Staaten überlassen, weil Russland und die westlichen Länder kein großes Interesse für diesen Prozess zeigten. Deswegen gibt es immer noch Bilder, die durch die sowjetische Botschaft der ungefähren Vergleichbarkeit im Westen geschaffen wurden, und sie haben die Diskussion über die Ukraine entscheidend bestimmt. Die Handlungen Russlands werden oft mit Großmachtpolitik erklärt, und dieses Konzept lässt es fast natürlich scheinen. Den russischen Kolonialismus als natürlich anzusehen stärkt jene Mythen, die die russische Propaganda unterstützt. Eine davon ist zum Beispiel der Mythos von der „natürlichen“ Verbindung der Ukraine mit Russland, obwohl es Kyiw schon lange vor Moskau gab und die Ukraine kein Teil von Russland war. Vielmehr ist es in der ukrainischen Geschichte eher eine Anomalie, ein Teil Russlands zu sein.

Die von der Sowjetunion besetzten Länder und die Länder des Ostblocks waren in der Sowjetunion nie unterworfene Länder, und die so genannten „neuen Europäer“ waren das für eine lange Zeit nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs ebenfalls nicht. Die Sowjetunion hat die Geschichte dieser Länder von der europäischen Landkarte gefegt und eine Welt erschaffen, in der es für diese Länder „natürlich“ war, zur Sphäre des russischen Einflusses zu gehören.

Anderen ehemaligen Imperien ist es nicht erlaubt, auf entsprechende Weise den Kolonialismus als etwas Natürliches anzusehen, und es ist sehr schwer vorstellbar, dass ähnliche Argumente verwendet werden, um das expansive Verhalten einer anderen Großmacht zu rechtfertigen. Es ist völlig unmöglich sich vorzustellen, dass zum Beispiel Deutschland ein Stück Land aus einem anderen Staat an sich reißen und dies mit den Worten rechtfertigen könnte, dass das Gebiet früher zu Deutschland gehört habe. Wie kommt es dann, dass andere Staaten es Russland erlauben, sich so zu verhalten, wenn es für andere nicht möglich ist? Wie kann das „natürlicher“ sein? Auch wenn die Verletzung der Integrität des ukrainischen Territorium weithin verurteilt wurde, denken viele immer noch, wegen der russischsprachigen Bevölkerung sei die Besetzung der Krim irgendwie „natürlicher“ als besipielsweise die hypothetische Invasion Russlands in einem Gebiet, wo es keine russischsprachigen Bevölkerung gibt. Könnte sich allerdings jemand die Reaktion auf eine spanische Invasion in den spanischsprachigen Gebieten Südamerikas vorstellen?

Für Russland ist ein Einflussbereich indirekt erlaubt; eine Denkweise, die nicht in die 2000er Jahre gehört, weil der Westen Russlands imperialistische Züge nicht anerkennt. Und dennoch sprechen wir im Westen kontinuierlich über Russland-Experten, von denen es im Westen eine ganze Menge geben soll. Besonders Finnland hält sich gerne selbst für ein Land mit einem großen Wissen über Russland. Wenn der Westen so viele Russland-Experten hat wie er sagt, wie ist es dann möglich, dass die Invasion der Ukraine so überraschend kam?

Deshalb müssen wir uns fragen, ob wir uns darauf vorzubereiten haben, dass der Westen die gleiche Sonnenbrille aufsetzt, wenn Russland einen Schritt zurücktritt, um für eine Weile überwintern, bevor es für neue Pläne bereit ist und wir wieder überrascht sein werden, wenn wir erkennen, dass der Westen wieder nichts gelernt hat und immer noch nicht in der Lage ist, deutliche imperialistische Aktionen zu erkennen, wenn es um Russland geht.

Russland wird von Männern mit KGB-Ausbildung regiert, die Fachkräfte des menschlichen Geistes und erfahren in der Propaganda sind. Sie sind Experten der psychologischen Kriegsführung. Sie wissen, wie der westliche Geist funktioniert; sie wissen, welche Art von Botschaften in die Nachrichten gebracht werden müssen. Sie wissen, dass die Krim nicht lange das Interesse des Westens halten kann, egal was dort passiert. Sie wetten darauf, dass der Westen nichts gelernt hat, denn er hat es zuvor ja auch nicht getan.

Die herablassende Umgang mit den Warnungen der osteuropäischen Länder über die russische Politik zeigt auch, dass die westlichen Länder unbewusst die alten russifizierten Bilder von Osteuropa als Raum einer Art von Untermenschen und von Ländern der Unwissenheit übernommen haben.

Der Westen dachte, er habe im Falle von Russland recht, weil der Westen seine Informationen immer als wertvoller betrachtet hat. Der Westen, das bedeutet, das “alte Europa” ist das handelnde Subjekt in Europa, der Produzent der dominierenden Wahrheit, und der Osten ist das neue Europa, ein Objekt und ein Bereich von billiger Produktion und billiger Arbeitskräfte. Viele der Probleme, die nicht bedacht wurden, entstehen aus dem Zustand des Postkolonialismus. Die Länder wurden als Länder im Übergang und als post-sowjetisch beschrieben, aber der Kontext des Kolonialismus war ungewohnt. Das ist jedoch genau der richtige Rahmen, um die Situation zu beschreiben und den westlichen Ländern zu helfen, die Situation in diesen Ländern sich besser vorstellen zu können – wir im Westen verstehen, dass die Geschichte der Sklaverei eines der Probleme des modernen Afrika ist.

Damals und heute wurden die auf Russland bezogene Warnungen der osteuropäischen und baltischen Länder als Geschwafel eines traumatisierten Patienten abgetan. Die Gewalt, und das ist genau das, was eine Besetzung ist, die von den Opfern erfahren worden ist, wird oft heruntergespielt, als ob sie keine „echte“ Informationen über die Vorgänge hätten, sondern nur subjektive Erfahrungen einer Geschichte der Unterdrückung. Die schlimmen Nachrichten stammen jedoch aus Ländern ohne solche Erfahrungen. Auf gleiche Weise wäre es unmöglich, sich vorzustellen, dass man die Reaktion einer jüdischen Organisation auf die öffentliche Nutzung eines Hakenkreuzes als ein Verhalten mit einer „Post-Holocaust-Belastungsstörung“ behandelt. Das wäre geradezu lustig.

Die dominierende Theorie des Bösen im 20. Jahrhundert hat mit der Gestapo und dem nationalsozialistischen Deutschland zu tun, weil wir das nationalsozialistische Deutschland verurteilen, Filme über den Holocaust gesehen und mehrere Bücher zu dem Thema gelesen haben. In den 2000er Jahren ist die dominierende Theorie des Bösen mit Al-Qaida und Osama Bin Laden personifiziert.

In dieser Situation war es einfach für die Moskauer Silowik-Clique, im Westen zu handeln. Sie sind weiße Männer, die „Das Anderssein“ nicht repräsentieren. Sie haben keinen Turban, ihre Frauen tragen keinen Schleier sondern High Heels. So erscheinen sie in den 2000er Jahren nicht bedrohlich, und sie sehen nicht aus wie die Bedrohungen für die postmoderne Welt. Die westliche Filmindustrie hat die KGB-Männer vor allem als lustige Jungs mit Pelzmützen auf dem Roten Platz dargestellt, und Bücher über die Gulags wurden bedeutend weniger gelesen als die Bücher über den Holocaust. Zusätzlich hat die 50 Jahre anhaltende Besatzung dazu geführt, dass die post-kolonialen Länder ihre Vergangenheit neu strukturieren mussten, auf Fakten basierende Informationen und eine Sprache finden mussten, in der sie über diese Themen, die für 50 Jahre zum Schweigen gebracht worden waren, erzählen konnten. Die russische Führung hat ständig versucht, in diese Wiederaufarbeitung der Vergangenheit einzugreifen, und versucht seit Jahren, die Nachrichtendienste der Nachbarländer zu infiltrieren, und über die Schließung der Archive sprechen wir mal lieber nicht. All das hat es noch schwieriger für Osteuropa gemacht, Informationen über ihre jüngste Vergangenheit in den Westen zu vermitteln.

Vorausgesetzt, der KGB wäre in der gleichen Weise wie die Gestapo oder Al-Qaida verurteilt worden, hätte es die Moskauer Silowik-Clique nie an die Macht geschafft. Die ehemaligen KGB-Männer würden Russland nicht regieren, und der FSB wäre nicht die neue Oberklasse in Russland. Erst recht würde Russland seine Zukunft nicht auf die Werkzeuge des postmodernen Imperialismus bauen, die für den Westen so schwer zu erkennen sind, denn unsere Schulbücher haben nie versucht, den kolonialistischen Charakter des großen Nachbarn zu analysieren. Uns hat man nie die Werkzeugkiste dafür gegeben.

Lasst uns diesen neuen Kalten Krieg eine Lehre sein, warum es so wichtig ist, sich zu erinnern und die Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit zu verurteilen und sie auch als das zu erkennen, was sie sind.

Sofi Oksanen

Quelle: http://upnorth.eu/230/

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Breite Front der Putin-Versteher

Die russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti zitiert aus der „Nesawissimaja Gaseta“ über Gemeinsamkeiten zwischen Rußlands „geradlinigem“ Kurs und aufrechten europäischen Politikern. Nicht nur „Anti-Amerikanisten und Ultranationalisten“ unterstützten Putin, sondern auch „Anhänger einer harten Staatsführung und der Stärkung der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen mit Russland. (…) Sie bezeichnen den Kreml-Kurs als Gegengewicht zum westlichen Mainstream.“.

Am stärksten werde Putin in Deutschland unterstützt:

Dort genießt er große Sympathien in der Bevölkerung. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sind 36 Prozent der Deutschen gegen Wirtschaftssanktionen gegen Russland. In Großbritannien sind es 23 Prozent, in Dänemark, Schweden und Norwegen je 15 Prozent. (…) Einer weiteren Umfrage zufolge ist die Hälfte der Deutschen dafür, die Krim als russisches Territorium anzuerkennen. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner Russlands in der EU. Trotz der harschen Kritik der deutschen Regierung am Ukraine-Kurs des Kremls reiste Siemens-Chef Joe Kaeser Ende März nach Moskau.

(…) Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder gilt als guter Freund von Putin. Er sprach von Versuchen des Westens, Russland in die Zange zu nehmen, und von Völkerrechtsverstößen bei den Nato-Luftangriffen auf Serbien. Auch der ehemalige italienische Regierungschef Silvio Berlusconi gilt als Putin-Freund. Die Isolierung Russlands widerspreche der Geschichte. Der Beschluss, Russland aus der G8 auszuschließen, sei Unsinn, so Berlusconi.

In Frankreich wird Putin von Jean-Marie Le Pen von der Front National (FN) unterstützt. Putin habe keinen einzigen Fehler gemacht, während die EU und die USA fast immer Fehler machen, so Le Pen. (…)

Der Chef der UK Independence Party, Nigel Farage, lobte Putin als einen ausgezeichneten Politiker. „Ich mag ihn nicht, ich würde ihm nicht vertrauen und würde nicht in seinem Land leben wollen. Doch im Vergleich zu den Kindern, die sich mit der Außenpolitik in Großbritannien beschäftigen, würde ich ihn mehr respektieren als der größte Teil unserer Bevölkerung“, sagte er.

Márton Gyöngyösi von der ungarischen Partei Jobbik sagte: „Wir sind an einem wachsenden Russland interessiert, das die eigenen Interessen auf sehr interessante Weise verteidigt und ein Gegengewicht zum Westen bildet“.

Wie es scheint, stiftet Putin eine neue, eher unheilige Allianz aus wirtschaftlichen und politischen Interessen, die von Sozialdemokraten und Populisten zum rechten Rand reicht. Schröder gegen westlichen Mainstream, na denn!

Putin erklärt…

seinen Landsleuten die Welt. Heute: Europa. Ist ja nicht alles schlecht in Europa. Die russische Nachrichtenagentur Ria berichtet:

Putin verweist auf konservative Tendenzen in Europa

Thema: Live-Fragestunde mit Wladimir Putin 2014

Die europäischen Länder bewegen sich nach Ansicht von Präsident Wladimir Putin in Richtung konservativerer Werte, wovon unter anderem die Wahlerfolge von Viktor Orban in Ungarn und Marine Le Pen in Frankreich zeugen.

„Die konservativen Werte, von denen ich bereits mehrmals gesprochen habe, erscheinen in einem neuen Licht“, sagte er am Donnerstag während seiner Live-Fragestunde mit russischen Bürgern. Zeichen dafür seien „sowohl der Sieg von Viktor Orban in Ungarn, als auch der Erfolg von Marine Le Pen bei den Kommunalwahlen in Frankreich, wo sie Platz drei bekommen hat“, so Putin. „Solche Tendenzen nehmen auch in andere Ländern zu.“

Nach seiner Ansicht hängt dies mit dem Streben nach einer Festigung der Souveränität sowie mit der Einsicht zusammen, dass „sich einige für diese Länder lebenswichtige Fragen  auf Landesebene effektiver lösen lassen als auf der Ebene von Brüssel“.

Spätestens jetzt zeigt sich, daß die Einladung an populistische Parteien, als Experten für Demokratie die Volksabstimmung auf der Krim zu beobachten, was Linke, Rechte und wachsende Teile der Mitte in Deutschland begeisterte, kein bloßer Propagandatrick war, sondern ein Strategiewechsel. Müllhalde berichtet weiter.

Die Annäherung beruht auf Gegenseitigkeit. Im März hatte Le Pen die „Revolution“ auf der Krim als legitim bezeichnet:

„Das Ergebnis des Referendums ist aus meiner Sicht alles andere als umstritten“, sagte Le Pen, Vorsitzende der rechtsradikalen Partei Front National, am Montag nach Angaben der Agentur AFP. „Es war abzusehen, dass das Volk der Krim, das in Angst lebte, sich in die Arme seines Herkunftslandes wirft. Die Krim ist doch erst seit 60 Jahren Teil der Ukraine.“

Die 45-Jährige rief die Europäische Union auf,  in der Krim-Frage konsequent zu sein und die Wahl zu treffen: „Entweder ist die EU für die Einheit der Ukraine und deren Verfassung. Dann ist Viktor Janukowitsch weiter Präsident“, so Le Pen. „Oder es gibt weder Verfassung noch das Verfassungsgericht mehr. Die neue Regierung ist eine Revolutionsregierung. Dann lässt sich nicht bestreiten, dass die Krim genauso vorgehen darf, wie ein Teil der Ukraine  auf dem Maidan vorgegangen war.“

Mein Körper, mein Blut, meine Kirche

Am Freitag, 20. Dezember 2013, billigte das spanische Kabinett auf Antrag von Justizminister Alberto Ruiz Gallardón ein Gesetz zur Aufhebung der Reform des Abtreibungsrechts. Das Gesetz bedroht das medizinische Personal, verbietet Abtreibung ohne elterliche Zustimmung und erlaubt Abtreibung nur noch aus zwei Gründen: bei Vergewaltigung (wenn sie angezeigt wurde und nur in den ersten 12 Wochen) und bei Lebensgefahr für die Frauen (nach der Begutachtung durch zwei Ärzte). De facto ist damit der gesetzliche Zustand zur Zeit Francos wiederhergestellt. Bisher konnte ich wenig Kritik bei den EU-Partnern feststellen.

Video: MI CUERPO, MI SANGRE, MI TEMPLO

(Feministische Video-Performance in Málaga im Dezember 2013)

Aus einem Kommentar:

Wir verlieren unsere in Jahren des Kampfes errungenen Rechte mit einem Federstrich. Vielen Dank daß Ihr uns daran erinnert, wie gefährlich es ist, still zu halten und zu verstummen. Unsere Tempel sind heilig. Fantastische Arbeit und großartige Initiative. Herzlichen Glückwunsch!

Kommunikation

Der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Kurt Kister, schreibt im Abonnentenbrief über Neujahrspostkarten:

Ein Botschafter zum Beispiel, den ich nie in meinem Leben gesehen habe, schickt mir ein Foto seiner Familie und bedankt sich für „Partnerschaft und Freundschaft“. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Geheimdienst aus seinem Land mein Telefon abgehört hat, ist groß. Vielleicht meint er das mit „Partnerschaft“, zumindest mein Telefon hat ja möglicherweise mit seinem Geheimdienst zusammen gearbeitet.

Appell

Auf Initiative des Philosophie Magazins unterzeichneten dreißig hochrangige europäische Philosophen und Intellektuelle folgenden Appell zur Freilassung von Nadia Tolokonnikowa, der derzeit in einem sibirischen Straflager inhaftierten Sängerin der Gruppe Pussy Riot. (Ein ausführlichen Briefwechsel zwischen Tolokonnikowa und dem slowenischen Philosophen Slavoj Zizek findet sich in der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins 01/2014).

Auszug:

Appell zur Freilassung von Nadia Tolokonnikowa

Weil sie ein „Punk Gebet“ gegen Wladimir Putin in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau gesungen hatten, sind Nadia Tolokonnikowa und Marija Aljochina, Mitglieder der Band Pussy Riot, im August 2012 wegen „von religiösem Hass motivierten Vandalismus“ zu zwei Jahren Haft im Straflager verurteilt worden. Nachdem sie die unmenschlichen Haftbedingungen angeprangert und einen Hungerstreik begonnen hat, wurde Nadia Tolokonnikowa, die 25-jährige Mutter eines 5-jährigen Mädchens, in die 4000 km von der Hauptstadt entfernte Region Krasnojarsk in Sibirien verlegt. Nach Aussage des russischen Menschenrechtsbeauftragten Wladimir Lukin trage es „zur Resozialisation bei, seine Strafe in dieser Region zu verbüßen“.

Dies sind Formulierungen, die wir in Russland seit dem sowjetischen Zeitalter und seiner Verfolgung aller Andersdenkenden und Abweichler nicht mehr gehört haben. In Wirklichkeit ist die Pussy-Riot-Sängerin das Symbol aller durch das Regime Unterdrückten geworden: der Homosexuellen, die im Namen des nunmehr legalen Kampfes gegen die „homosexuelle Propaganda“ verfolgt werden; der auf den Baustellen in Sotchi oder anderswo ausgebeuteten und brutal behandelten Gastarbeiter; der Verurteilten wegen antireligiöser Äußerungen; der geknebelten Opposition; der verfolgten Nichtregierungsorganisationen und vieler anderer … Angesichts dieser immer zahlreicheren Menschenrechtsverletzungen ist Europa erstaunlich ruhig geblieben.

(…)

Namen der Unterzeichnenden:

Deutschland/Österreich/Schweiz:
Deutschland/Österreich/Schweiz: Ulrike Ackermann, Aleida Assmann, Jan Assmann, Gunter Gebauer, Michael Hampe, Axel Honneth, Rahel Jaeggi, Michael Krüger, Susan Neiman, Christoph Menke, Robert Pfaller, Hartmut Rosa, Gesine Schwan, Martin Seel, Barbara Vinken, Juli Zeh

Frankreich und Europa:
Elisabeth Badinter, Pascal Bruckner, Alain Finkielkraut, Marcel Gauchet, André Glucksmann, Agnès Heller,  Claude Lanzmann, Edgar Morin, Antonio Negri, Fernando Savater, Richard Sennett, Bernard Stiegler, Gianni Vattimo, Slavoj Žižek

Freiheitsindex

ist eine gute Überschrift für eine Liste der beliebtesten Verbote:

Freiheitsindex

Die Deutschen wünschen sich mehr Verbote

Drogen, Klonen, ungesundes Essen: Eine Mehrheit der Deutschen spricht sich dafür aus, diese Dinge zu verbieten.

(Die Welt)

DWO-VerboteAufm

Prima! Freiheit macht müde, wir brauchen wieder mehr Verbote. Auf dieser Karte der Pressefreiheit gehört Deutschland zur weißen Zone, das soll sich ändern!

Währenddessen reklamieren die vielen anonymen Schmierfinken & WebseitenkommentatorInnen und paar hundert bis tausend mutigen Demonstranten in einigen sächsischen Städten (und anderwärts), deren Weltbild auf das Arsenal einer Handvoll populistischer Slogans von Transparentformat zusammengeschnurrt ist („Asylflut stoppen!“ – „Unsere Heimat Unser Recht“ – „Arbeit zuerst für Deutsche“) für sich, ausgerechnet sie wären die die noch „selber denken“ und „Mut zur Demokratie“ hätten. Die Einen wie die Andern nerven ganz schön.

Extremismus-Bekämpfung

wird in M-V noch ernstgenommen, lese ich:

POL-HRO: Aufkleber auf Wegweiser des Wahlkreisbüros der CDU angebracht

Nr. 2517214 – 18.07.2013 – PP HRO – Polizeipräsidium Rostock

Wismar (ots) – Unbekannte Täter klebten auf einem Wegweiser
(Hinweisschild) des Wahlkreisbüros einer Bundestagsabgeordneten der
CDU in der Wismarer Schüttingstraße einen Aufkleber. Hierauf sind ein
durch eine Faust zerstörtes Hakenkreuz zu erkennen und der Schriftzug
„Gegen Nazis – Antifa Area“ zu lesen.

Nachdem eine Mitarbeiterin des Wahlkreisbüros den Aufkleber
festgestellt hat, informierte Sie das Wismarer Polizeihauptrevier.

Die sofort eingesetzten Polizeibeamten konnten die Täter leider
nicht mehr im nähreren Bereich feststellen. Sie entfernten den
Aufkleber und stellten ihn zur weiteren Spurensuche sicher.

Torsten Sprotte
Erster Polizeihauptkommissar
Polizeiführer vom Dienst

Rückfragen bitte an:

Polizeipräsidium Rostock
Polizeiführer vom Dienst
Telefon: 038208/888-2110
E-Mail: elst-pp.rostock@polmv.de
http://www.polizei.mvnet.de

Anfrage an das Polizeipräsidium: Wieviel Polizisten kommen auf einen Aufkleber?

Der rechte Kellerherr

Es riecht ein wenig nach Herrenreiter, wenn die Süddeutsche Zeitung über das noble, edle – tatsächlich fallen beide Adjektive gleich eingangs – Dresdner Viertel Weißer Hirsch schreibt. Aber nein, so fängts an, heilige Metonymie:

Im noblen Dresdner Tellkamp-Viertel

o lala, hat er auch artig geknickst?.

 eröffnet der stramm rechte Felix Menzel ein Bildungszentrum. Es kommen Mandy, Kevin und, hoppla, die Nachbarn

2 Sätze weiter noch mal so rum:

Um 20 Uhr soll im edlen Viertel Weißer Hirsch in Dresden das rechte ‚Zentrum für Jugend, Identität und Kultur‘ eröffnen.

Aber man lese weiter. Ein rechtes Bildungszentrum im Keller von Tellkamps Turm. Vom eher proletarischen Chemnitz zog der rechte Kellerherr ins bürgerliche Dresden am Hang. Mal sehn wer kommt:

Felix Menzel, 27, verheiratet, zwei Kinder, Gründer und Chefredakteur der rechten Zeitschrift Blaue Narzisse. Die Narzisse begann als Schülerzeitung in Chemnitz, heute gehört sie gedruckt wie Online zu den Zentralorganen der mindestens Rechtskonservativen. Menzel betreibt über die Webseite einen ordentlich gehenden Online-Shop, einer der Top-Seller ist ein Aufkleber der ‚Identitären Bewegung‘ (siehe Kasten) – 30000 Stück hat er bislang abgesetzt, tagelang stand er deswegen im Lager und machte nichts anderes, als Aufkleber zu verpacken. Über diese Einnahmen und Spenden finanziert er nun, vorläufig befristet auf ein Jahr, das Zentrum auf dem Weißen Hirsch.

Menzel stellt sich das Zentrum als ‚eine Art Volkshochschule‘ vor, im Oktober soll das Seminarprogramm beginnen. Geplant sind Blockseminare zu ‚politischem Aktivismus‘ und ‚Journalismus und Publizistik‘. Letztere wird hier auch ganz praktisch betrieben, neben Menzel haben zwei weitere Mitarbeiter Büros, auch um die Webseite der Narzisse zu füttern.

Warum der Umzug von Chemnitz nach Dresden? ‚Es ist ja nicht so, dass wir vom Mars nach hierher gekommen sind‘, sagt Menzel, und dann kommt die Rede wieder auf Uwe Tellkamp. Menzel sieht da eine Verbindung, zwischen seinen Gesinnungsgenossen und der unfreien, intellektuellen Geisteselite der DDR. Auch diese sei ’nonkonform‘ gewesen und habe ‚vielleicht nicht die Öffentlichkeit bekommen‘, die sie verdient gehabt hätte. Das ist natürlich ein schönes Trittbrett, das sich Menzel da ausgesucht hat, aber ganz praktisch ist es erstmal so, dass er nicht im Turm, sondern in einem Keller sitzt. Nackte weiße Wände, Neonröhren, Deckenhöhe: 2,04 Meter.

Menzel ist belesen, Rilke, Kafka, Philosophen aller Herren Länder. Er sagt: ‚Wir sind demokratisch‘. Er sagt: ‚Ich bin für Europa.‘ Er sagt, er sei punktuell auch für Einwanderung. Es scheppert erst auf Nachfrage: Punktuell bedeute, verkürzt: Der ‚persische Arzt‘ darf rein, der ‚arbeitslose Araber nicht‘. Es schwindelt einen, wenn man Menzel eine Weile zuhört, weil er die Namen großer Denker und Literaten nimmt, um sie zu wehrlosen Kronzeugen seiner Schlüsse zu modellieren.

Ein stramm Rechter nistet sich ein, mitten im Dresdner Bürgertum. Einer, dessen Aufsätze aus dem Gemeinschaftskunde-Unterricht der zwölften Klasse bereits vom Verfassungsschutz mitgelesen wurden und der gerne zum Thema ‚Skandalokratie‘ promovieren würde. Muss man sich deshalb Sorgen machen? Vermutlich nicht allzu sehr, weil es hinter dem hellen Kellergeist Menzel mehr Schatten als Licht gibt. Mandy und Kevin jedenfalls beteiligen sich am Montagabend nicht am intellektuellen Diskurs über den Begriff Heimat.

Süddeutsche Zeitung 3.7.

Zensiert

Putin hats gefallen, sagt er. Sein (!) Land verlangt gleichwohl von Deutschland, die Täterinnen zu bestrafen. Hier ein Bild mit noch einem Mund mehr:

muender2

In der amerikanischen Presse werden die Bilder natürlich zensiert. Das Wort „Dictator“ zwar ist erlaubt:

Protest

Hätten sies in Rußland andersrum gemacht? Vielleicht ja.

Rätselhaft aber das nächste Bild. „Grabbed: A security guard is seen grabbing the topless demonstrator as Mr Putin looks on“, sagt die Unterschrift. Vielleicht hält er ja nur den Balken für Putin. Aber was ist auf dem Rücken?

Grabbed: A security guard is seen grabbing the topless demonstrator as Mr Putin looks on

Offenbar ist die Inschrift dem amerikanischen Publikum nicht zumutbar. Wieviele amerikanische Kinder können wohl Russisch lesen?

Auf dem Rücken der jungen Frau steht:

Иди на хуй, Путин!

Sovielwie: Fuck you, Putin!

Protestieren ja, aber bitte anständig!

Hier mehr.