Neues vom eBuch

jedenfalls wie es „Traditionsverlage“ verstehen:

Bildschirmfoto 2014-03-06 um 15.40.00

Advertisements

Patriotische Reime

„Patriot aber kein Nazi“ will ein rheinischer Reimfreund sein und repostet Reime wie diese:

Vom Arbeitsamt da komm ich her und sage euch, offene stellen gibt es nicht mehr. Überall auf den stufen und kanten, sitzen Asylanten mit ihren Verwandten und draußen vor verschlossenem Tor stehen geduldig die Deutschen davor und wie ich so geh am Rathaus vorbei, da sehe ich nur Leute aus der Türkei, die feilschen und füllen mit Geld ihre Taschen (…)

Für mich klingt das nach Volksverhetzung, und auch um die Reimkunst in Doitschland steht es schlecht.

Überhaupt ist die Freude am Dummreim ungebrochen, nicht nur bei deutschen Patrioten:

Drum lieber Beamter, sei unser Gast,
und gib uns Schweizern, was Du noch übrig hast!
Der Ali hat Kohle, der Hassan nimmt Drogen,
der Schweizer zahlt und wird noch betrogen.
Drum sei dies‘ Gedicht nun endlich zu Ende,
hoffend, Ihr Lieben, auf baldige Wende !…..

„Von ERICH KÄSTNER  oder  GOTTFRIED KELLER ?“ schreibt der wackere Eidgenosse darüber, au weia. Auch im Nachbarland fehlt es an politischer und ästhetischer Bildung . Gottfried Keller war Demokrat, und er konnte reimen. Ich brauch jetzt Poesie! Die hat Keller nicht nur im lyrischen Ton („Augen meine lieben Fensterlein“), sondern auch im Zorn auf Volksverhetzer:
Die öffentlichen Verleumder.

Ein Ungeziefer ruht
In Staub und trocknem Schlamme
Verborgen, wie die Flamme
In leichter Asche thut.
Ein Regen, Windeshauch
Erweckt das schlimme Leben,
Und aus dem Nichts erheben
Sich Seuchen, Glut und Rauch.

Aus dunkler Höhle fährt
Ein Schächer, um zu schweifen;
Nach Beuteln möcht‘ er greifen
Und findet bessern Wert:
Er findet einen Streit
Um nichts, ein irres Wissen,
Ein Banner, das zerrissen,
Ein Volk in Blödigkeit.

Er findet, wo er geht,
Die Leere dürft’ger Zeiten,
Da kann er schamlos schreiten,
Nun wird er ein Prophet;
Auf einen Kehricht stellt
Er seine Schelmenfüße
Und zischelt seine Grüße
In die verblüffte Welt.

Gehüllt in Niedertracht
Gleichwie in einer Wolke,
Ein Lügner vor dem Volke,
Ragt bald er groß an Macht
Mit seiner Helfer Zahl,
Die hoch und niedrig stehend,
Gelegenheit erspähend,
Sich bieten seiner Wahl.

Sie teilen aus sein Wort,
Wie einst die Gottesboten
Gethan mit den fünf Broten,
Das klecket fort und fort!
Erst log allein der Hund,
Nun lügen ihrer tausend;
Und wie ein Sturm erbrausend,
So wuchert jetzt sein Pfund.

Hoch schießt empor die Saat,
Verwandelt sind die Lande,
Die Menge lebt in Schande
Und lacht der Schofelthat!
Jetzt hat sich auch erwahrt,
Was erstlich war erfunden:
Die Guten sind verschwunden,
Die Schlechten stehn geschart!

Wenn einstmals diese Not
Lang wie ein Eis gebrochen,
Dann wird davon gesprochen,
Wie von dem schwarzen Tod;
Und einen Strohmann bau’n
Die Kinder auf der Haide,
Zu brennen Lust aus Leide
Und Licht aus altem Grau’n.

Karl Kraus druckte das Gedicht im Jahr 1926 in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ nach, er sah in Keller einen Verbündeten in seinem Kampf gegen politische und publizistische Verwahrlosung. Das jiddische Wort „schofel“ zeigt prägnant auf Roß und Reiter:

Hoch schießt empor die Saat,
Verwandelt sind die Lande,
Die Menge lebt in Schande
Und lacht der Schofelthat!
Jetzt hat sich auch erwahrt,
Was erstlich war erfunden:
Die Guten sind verschwunden,
Die Schlechten stehn geschart!)

Sie standen geschart. Sieben Jahre später veröffentlicht Kraus seine Antwort auf Hitlers Sturmtruppen ebenfalls in Reimversen:

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bleibe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war’s einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.

Karl Kraus: Man frage nicht. Die Fackel, Nr. 888, Oktober 1933, XXXV. Jahr, S. 4.

Normal

„Selbstverständlich“ hätten die Gedichte keinen Reim, schreibt ein Rezensent (http://www.jungewelt.de/2014/02-04/048.php) und findet das nicht normal – „Wie formalistisch sollen Gedichte sein?“ fragt er kritisch.

Andere haben andere Normen – auch in Sachen Reim:

Zschäpe-Prozeß: Es ist ein sehr zäher Morgen, an dem die Zeugin immer und immer wieder befragt wird. Bis zu dem Moment, an dem der Anwalt Yavuz Narin der Frau zwei ganz einfache Fragen stellt. „Wie würden Sie die politische Gesinnung Ihres Ehemanns charakterisieren?“ – „Normal“, sagt die Zeugin. „Wie ist denn Ihre politische Gesinnung?“ – „Normal“, sagt die Zeugin erneut.

Normal bedeutet für die Zeugin aber offenbar etwas ganz anderes als für Narin. Der Anwalt hat sich den Facebook-Account der Zeugin und ihres Ehemannes angesehen und nun werden die Screenshots davon an die Wände im Gerichtssaal geworfen. Unter ihren Favoriten hat die Zeugin einen Link: „Keine weiteren Asylanten-Heime im Landkreis Meißen!“

Ihr Mann gibt sich noch radikaler. Ein Adler schaut einen auf seiner Seite an, darüber der Schriftzug in altdeutschen Lettern: „Deutsche geben niemals auf, wir kommen wieder!“ Auch dem Reimen ist der Gatte geneigt, er hat dort ein Gedicht stehen: „Der Ali hat Kohle, der Hassan hat Drogen, wir Deutschen zahlen und werden betrogen.“

Süddeutsche Zeitung (http://www.sueddeutsche.de/politik/zeugin-im-nsu-prozess-alles-ganz-normal-in-zwickau-1.1879010)

Deutsche Ehre hoch, noch und nooch!

Eine großartige Idee, sich einmal die Gedichte anzusehen, die während des Dritten Reiches auf den Führer gemacht wurden. Nicht die der Dichter, sondern die der Volksgenossen, die die Reichskanzlei mit ihren Texten bestürmten und davon träumten, dass der Führer sich an ihren Worten so berauschen sollte wie sie es an seinen Taten taten. (…)

„Wer seine Ehre gibt aufs Spiel,
Von dem hält man nicht mehr viel.
Wir aber halten Deutsche Ehre hoch,
Trotz aller Verleumdung noch und noch.
Das muss in Deutschland wieder anders werden,
Alle müssen S.A. Männer werden.
Heil Hitler! Töne es jauchzend himmelwärts,
Dann geht’s mit uns auch wieder aufwärts.“
Das ist so ungelenk, dass man dem Autor tröstend über den Kopf streichen möchte. / Arno Widmann, BLZ

Volker Koop: Gedichte für Hitler – Zeugnisse von Wahn und Verblendung im ‚Dritten Reich‘, be.bra verlag, Berlin 2013, 237 Seiten, 19,95 Euro

„Radikal“

Ein neuer Verlag macht so auf sich aufmerksam:

Der Moränenland-Verlag bevorzugt das Abseits. Er entsteht dort, er wird dort bleiben. Wer sich bewußt von vornherein außerhalb stellt, bedarf nicht erst des Aktes einer Sezession, die kunst- und literaturgeschichtlich immer dann erfordert war, wenn in der allzu großen, allzu breiten, allzu öden Ebene kaum mehr Eigenständiges entstehen konnte – politisch ebensowenig wie künstlerisch. Insofern sagt der Verlag dem Gängigen, dem Gewohnten, dem Gefälligen offensiv ab. Er möchte gerade kein „Poetenladen“ sein, in dem sich die empfindsamen Introvertierten in ihren Belanglosigkeiten spiegeln, während das Leben, das natürliche wie das gesellschaftliche, als das schlechthin Unheimliche draußen stattfindet.

Also: Bewußte Diskontinuität. Selektionsvorlage. Nicht fortsetzen, sondern radikal neu anfangen.

Wahr gesprochen. Es ist kein Poetenladen, in dem es Bücher von Kerstin Hensel und Anne Dorn, Jean Krier und Ron Winkler, Jan Kuhlbrodt und Uwe Hübner, Jürgen Brôcan und Ulrich Koch, Andreas Altmann und Katharina Bendixen, Michael Fiedler und Thomas Böhme neben vielen anderen gibt, Bücher, in denen der flotte Jungverleger und Überleser „sich die empfindsamen Introvertierten in ihren Belanglosigkeiten spiegeln“ sieht. Wieviele dieser Bücher hat er gelesen? Man kann fast wetten: kein einziges. Wer bei sovielen Namen nur Gängiges, Gewohntes, Gefälliges und Belangloses sieht, hat sich schon hinreichend als Schmock entlarvt. Seine polemische Methode kann man beim Freitag studieren. Dort machte er sich einen gewissen Namen als Polemiker, zitierte aber vorwiegend pseudonyme Blogger wie „Eisenhans“ und schob dann ein Gedicht der Huchelpreisträgerin Nora Bossong nach, das er aber nicht aus ihrem prämierten Buch, sondern aus dem Ganz-weit-weg-Web zitierte. Wahrscheinlich hatte er das Buch grad nicht zur Hand. Man kann sich nicht mit allem Belanglosen näher befassen.  Den Unkundigen imponiert man damit allemal, ob sie nun rechts oder links siedeln.

„Zu viel Schwachstrom. Keine Lichtbögen“ befand der naseweise Ignorant und forderte „Mut zu einem neuen Expressionismus, wenn der moderne Impressionismus ganze Jahrzehnte zum Aquarellieren seiner Empfindungen hatte“. Was liegt da näher als einen eigenen Verlag zu gründen, in dem man radikal und ohne Rücksicht auf Mainstream und Markt Starkstrom und nichts als das verlegt?

Gesagt getan. Unser Polemiker geht ans Werk und verlegt Gedichte wie dieses (Literatur, werde wesentlich!):

Elbsandsteingebirge

Im Großen Zschand sammelt der Regen
die Richterschlüchte hinunter,
woraus die Felsen einst waren, den Sand:
Weicher Grund des uralten Kreidemeeres.
Vernimm an den Thorwalder Wänden
das tiefe mesozoische Schweigen, sieh
den ruhigen Flug des Pfeilschwanzrochens
über dir die Korrallenbänke entlang.

Aha, hm. Das ist das ganz Andere, Belangvolle, Wesentliche, Stahlharte, die neue Inspiration? Das sind „riskante Experimente des Geistigen und Ästhetischen“? Pustekuchen. Das ist gefällige Postkartenlyrik. Vernimm das tiefe Schweigen im, wo wohl? Weichen Grund. Woraus die Felsen „einst“ waren. Der Verfasser sollte  Peter Huchel, Günter Eich, Johannes Bobrowski lesen und lernen, wie Naturlyrik im 20. Jahrhundert aus dem Postkartenidyll ausbrach. Ach was, Annette von Droste-Hülshoff das Jahrhundert zuvor, „Die Mergelgrube“ zum Beispiel:

Wie zürnend sturt dich an der schwarze Gneis,
Spatkugeln kollern nieder, milchig weiß,
Und um den Glimmer fahren Silberblitze;
Gesprenkelte Porphyre, groß und klein,
Die Ockerdruse und der Feuerstein –
Nur wenige hat dieser Grund gezeugt,
Der sah den Strand, und der des Berges Kuppe;
Die zorn’ge Welle hat sie hergescheucht,
Leviathan mit seiner Riesenschuppe,
Als schäumend übern Sinai er fuhr,
Des Himmels Schleusen dreißig Tage offen,
Gebirge schmolzen ein wie Zuckerkand,
Als dann am Ararat die Arche stand,
Und eine fremde, üppige Natur,
Ein neues Leben quoll aus neuen Stoffen.

Verglichen damit bieten die drei Leseproben auf der Verlagsseite nur Zuckerkand. Der kann er nicht das Wasser reichen! Geschweige dem 20. und 21. Jahrhundert, wo es auch zu dem Thema Belangvolleres als seins gibt. Aber der Ignorant hat Glück, er liest ja die anderen nicht.

Radikal anders wollte der neue Verlag mit dem bodenständigen Namen sein. Was liegt näher, als bei sich selbst zu beginnen. Der laut Verlagsseite bislang einzige Band des Verlags stammt vom Verleger selber. Denn Heino Bosselmann (Verleger) ist nur ein anderer Name für Martin Mollnitz (Dichter). Gründet einen Verlag, verlegt seine eigenen Gedichte und beendet damit die jahrzehntelange Stagnation der deutschen Lyrik.

Soviel dazu. Die Verlagswerbung ist halbseidener Zuckerkand, höchstens mal an einem Stahl- (nein nicht -gewitter, -kochtopf) vorbeigetragen. Unser Wagenkorb bleibt leer.

Und ich, ich gönn mir noch eine Strophe Droste als Antidot:

Ha, auf der Schieferplatte hier Medusen –
Noch schienen ihre Strahlen sie zu zücken,
Als sie geschleudert von des Meeres Busen,
Und das Gebirge sank, sie zu zerdrücken.
Es ist gewiß, die alte Welt ist hin,
Ich Petrefakt, ein Mammutsknochen drin!
Und müde, müde sank ich an den Rand
Der staub’gen Gruft; da rieselte der Grand
Auf Haar und Kleider mir, ich ward so grau
Wie eine Leich‘ im Katakomben-Bau,
Und mir zu Füßen hört‘ ich leises Knirren,
Ein Rütteln, ein Gebröckel und ein Schwirren.
Es war der Totenkäfer, der im Sarg
So eben eine frische Leiche barg;
Ihr Fuß, ihr Flügelchen empor gestellt
Zeigt eine Wespe mir von dieser Welt.
Und anders ward mein Träumen nun gewandet,
Zu einer Mumie ward ich versandet,
Mein Linnen Staub, fahlgrau mein Angesicht,
Und auch der Skarabäus fehlte nicht.

Neuer Dichter

Ich denke immer, wenn ich einen Druckfehler sehe, es sei ein neuer Dichter entdeckt:

fünfter sein Puppentheater für Kinder ab 4 Jahre nach dem gleichnamigen Gedicht von Ernst Janda Fünf Spielzeugpuppen – alle verletzt – sitzen in der Puppenwerkstatt und warten, warten, warten… Aber, warum hat die rollende Ente ein Rad ab? Und wie hat Pinocchio seine Nase wirklich verloren – wurde sie abgebissen? In welchem Zusammenhang stehen Honig und der kaputte Arm und das kaputte Auge des Bären? Wo ist die Krone des Froschkönigs geblieben? mehr

Vergessen

Falkner wird demnächst vergessen sein. Schade, aber kurz noch wird man seiner gedenken, an entlegener Stelle, irgendwo. Lyriker des 21. Jahrhunderts. Altes Kind unserer Zeit. Das ist nicht wenig. Immerhin lugt dann noch einmal kurz der schöne Turm hervor, auf ewig Süddeutsch-​Halbtot.

Gerhard Falkner: Hölderlin Reparatur. 96 Seiten, Berlin Verlag 2008. 19 Euro.

Das Schöne oder je nachdem Teuflische am Vergessen ist, daß man es nicht berechnen kann. Nicht einmal im eigenen Oberstübchen. Vielleicht wird xy einmal vergessen sein. Vielleicht Falkner, vielleicht sogar Herr Röcke, der obigen Befund* über Falkner verantwortet**. Natürlich müßte er erst einmal bekannt werden, um überhaupt vergessen werden zu können.

*) Bei der „Blauen Narzisse“, die immer mal auf Lyrik macht und ansonsten den NSU-Prozeß im Liveticker jetzt schon beobachtet, Nordkorea verteidigt, in der „Alternative für D-land“ einen „Hoffnungsschimmer“ sieht und sogar den Karl-Marx-Platz featured. Wenigstens sort of.

**) Lustig, wie er am Schluß des Zitats haarscharf an Celan vorbeischrammt. Der hier das letzte Wort bekommt:

Tübingen, Jänner

Zur Blindheit über-
redete Augen.
Ihre -„ein
Rätsel ist Rein-
entsprungenes“-, ihre
Erinnerung an
schwimmende Hölderlintürme, möwen-
umschwirrt.

Besuche ertrunkener Schreiner bei
diesen
tauchenden Worten:

Käme,
käme ein Mensch,
käme eine Mensch zur Welt, heute, mit
dem Lichtbart der
Patriarchen: er dürfte,
spräch er von dieser
Zeit, er
dürfte
nur lallen und lallen,
immer-, immer-
zuzu.

(„Pallaksch. Pallaksch.“)

Defensiver Buchpreis

Tatsächlich hat die Jury mit der Auszeichnung von David Wagners autobiografischen Skizzen die einzig denkbare Entscheidung getroffen, die einen Ausweg aus der selbst gestellten Originalitätsfalle ermöglichte. Denn die übrigen Nominierungen in der Belletristik hatten schon bei der Bekanntgabe der Shortlist für allgemeines Kopfschütteln gesorgt.

(…) verdienstvoll diese Kritikernachhilfe, aber nicht mehr. Dafür aber fehlen so wichtige Frühjahrstitel wie die neuen Romane von Eva Menasse, Michael Köhlmeier oder Ernst-Wilhelm Händler. Oder auch der im Herbst zu spät für den Deutschen Buchpreis erschienene „Atlas eines ängstlichen Mannes“, das lang erwartete große neue Buch von Christoph Ransmayr.

Dass eine mit so viel Kompetenz und Erfahrung besetzte Jury (unter dem Vorsitz von Hubert Winkels) so auf Nebensächliches, ja Abseitiges setzte, ist nur erklärbar durch einen Minderwertigkeitskomplex der Leipziger gegenüber der Frankfurter Konkurrenz und ihrem in der verkaufsfördernden Wirkung viel erfolgreicheren Preis. So glaubt man offenbar, auf vermeintlich zu Unrecht Übersehenes oder noch Unbekanntes hinweisen zu müssen – eine defensive Grundhaltung, die gerade nicht von Souveränität zeugt und den Abstand in der Außenwirkung zwischen den beiden wichtigsten Preise für deutschsprachige Literatur (der Büchnerpreis ehrt ein Gesamtwerk) nur noch weiter zu vergrößern droht. / Richard Kämmerlings, Die Welt 16.3.

Judennase (2)

Nach dem Wühlen in der vornehmbraunen Scheiße völkischer Rassenkunde brauche ich eine Literaturpause. Schon als ich die vorige Folge schrieb, stellten sich Worte aus einem Gedicht Paul Celans ein – eins meiner vielen Lieblingsgedichte und eins meiner liebsten Celangedichte. Es zeigt schön eine oft verkannte Eigenschaft des Dichters – seinen Humor, den auch unvermeidliche Bitterkeit nicht auslöscht. Und sein Plebejertum. Ein Bruder des alten Franzosen François Villon. Er, auch er, steht gegen Dünkel und Pest:

EINE GAUNER- UND GANOVENWEISE
GESUNGEN ZU PARIS EMPRÈS PONTOISE
VON PAUL CELAN
AUS CZERNOWITZ BEI SADAGORA

Manchmal nur, in dunkeln Zeiten,
Heinrich Heine, An Edom

Damals, als es noch Galgen gab,
da, nicht wahr, gab es
ein Oben.

Wo bleibt mein Bart, Wind, wo
mein Judenfleck, wo
mein Bart, den du raufst?

Krumm war der Weg, den ich ging,
krumm war er, ja,
denn, ja,
er war gerade.

Heia.

Krumm, so wird meine Nase.
Nase.

Und wir zogen auch nach Friaul.
Da hätten wir, da hätten wir.
Denn es blühte der Mandelbaum.
Mandelbaum, Bandelmaum.

Mandeltraum, Trandelmaum.
Und auch der Machandelbaum.
Chandelbaum.

Heia.
Aum.

Envoi

Aber,
aber er bäumt sich, der Baum. Er,
auch er
steht gegen
die Pest.

Aus: Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe. Hg. u. komm. v. Barbara Wiedemann. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2003, S. 135f.

Ein Hauptspaß und eine plebejische Verbrüderungsszene schon die Überschrift, durch 1. Nennung unmißverständlicher Berufsbezeichnungen, ein Gauner- und Ganovenfest, es findet in Paris statt am Anfang der 60er Jahre seines Jahrhunderts, das lange auch meins war und es nun schon lang nicht mehr ist. Nicht in einem Nobelviertel der Hauptstadt. „Paris emprès Pontoise“, das war Villons galliger Spott auf die Metropole, die ihn hängen sehn wollte. „Pontoise ist eine Gemeinde mit 29.548 Einwohnern (Stand 1. Januar 2010) nordwestlich der französischen Hauptstadt Paris.“ (Wikipedia).* „Paris bei Pontoise“ (Villon).

Celan, der Sänger**, zitiert Villon gleich noch einmal, indem er mit beider Dichtung auch ihre Biographie verbandelt. Er stammt aus der Metropole Czernowitz, der Stadt, in der Bücher und Menschen lebten, aber hier schließt er sich Villons Metropolenschmäh an. „Sadagora, rumänisch Sadagura; russisch Садгора) ist ein Mikrorajon von Czernowitz“ (Wikipedia). Die Plebejer drehen den Spieß um: Czernowitz bei Sadagora. Der Spaß kann beginnen.***

*) Aus Diderots Enzyklopädie, Bd. 13 (1765):

PONTOISE ou PONT-OYSE, (Géogr. mod.) c’est-à-dire pont sur la riviere d’Oyse, en latin Brivisara, selon l’Itineraire d’Antonin, & Brivaisara, selon la Table de Peutinger ; ville de France, capitale du Vexin françois, sur la riviere d’Oyse, qu’on passe sur un pont à 20 lieues au sud-est de Rouen, & à 7 au nord-ouest de Paris. Il y a un bailliage & une élection, une collégiale, une abbaye d’hommes de l’ordre de saint Benoît ; plusieurs paroisses & communautés:l’archevêque de Rouen y tient un grand-vicaire.

Cette ville fut prise d’assaut sur les Anglois en 1442. Les états généraux y furent assemblés en 1561. Le parlement de Paris y a été transféré trois fois, savoir en 1652, en 1720, & en 1753 ; mais de telles translations ne peuvent jamais être de longue durée, parce que les affaires publiques en souffriroient un trop grand dommage. Long. 19d 45′. lat. 49d 3′.

(…)

Villon (François), ainsi qu’il se nomme lui-même dans ses poésies, & non pas Corbueil, comme l’ont écrit vingt auteurs depuis Fauchet, naquit selon plusieurs auteurs en 1431, à Auvers, près de Pontoise, & selon d’autres plus probablement, à Paris.

Quoi qu’il en soit, Villon avoit beaucoup d’esprit & un génie propre à la poésie ; mais se livrant sans mesure à son tempérament voluptueux, il se jetta impétueusement dans la débauche, & par une suite presque inévitable de la débauche, dans la friponnerie. Il en fit de si grandes qu’il fut condamné à être pendu par sentence du châtelet ; mais le parlement de Paris commua la peine de mort en celle de simple bannissement. Il est vraissemblable que son crime étoit quelque vol d’église, de sacristie, pour avoir dérobé les ferremens de la messe, & les avoir mussez soubs le manche de la paroece, ainsi que s’exprime plaisamment le satyrique Rabelais. Villon mourut vers la fin du quinzieme siecle ou le commencement du seizieme, soit à Paris, soit à Saint-Maixent en Poitou.

On a donné plusieurs éditions de ses Œuvres ; la premiere est à Paris, chez Antoine Verard, sans date & en caractere gothique ; la seconde est à Paris chez Guillaume Nyverd, sans date également, & pareillement en caractere gothique ; ensuite chez Gaillot du Pré en 1532 & 1533, in-16. Enfin les deux meilleures éditions sont celles de Paris en 1723, chez Coustelier, in-8°. & à la Haye plus complettement, en 1742, in-8°.

Les ouvrages de Villon consistent dans ses deux testamens, ses requêtes, des rondeaux, des ballades, &c. Le style simple, léger, naïf & badin en fait le caractere. Despréaux dit en parlant de ce poëte :

Villon sut le premier, dans ces siecles grossiers, Débrouiller l’art confus de nos vieux romanciers.

(Le Chevalier de Jaucourt.)

Ich übersetze eine Passage über Villon:

Jedenfalls hatte Villon viel Geist & eine echte Begabung für die Dichtkunst, aber da er sich maßlos seiner wollüstigen Veranlagung ergab, warf er sich in Ausschweifungen, und als eine fast unvermeidliche Folge der Ausschweifungen in Schurkerei. So schlimm, dass er zum Hängen verurteilt wurde. Doch das Parlament von Paris wandelte die Todesstrafe in einfache Verbannung um. Wahrscheinlich bestand sein Verbrechen in Kirchenraub, daß er das Meßgerät gestohlen und unter dem Glockenturm des Dorfs versteckt hatte, wie es der Satiriker Rabelais liebenswert ausdrückt.

**) Anmerkung für Germanisten: kein lyrisches Subjekt, sondern der Plebejer Paul Antschel, den es aus Galizien an die Seine verschlagen hat, fragen wir jetzt nicht wieso, denn er singt seinen Freunden ein Scherzlied. Ein Jahrzehnt vorher und ausgerechnet im grauen Ostberlin hatte eine Dichterin, Christa Reinig, unter anderen Umständen so gesungen:

HÖRT WEG!

kein wort soll mehr von aufbau sein
kein wort mehr von arbeit und altersrente
hört weg – ihr helden – ich rede allein
für asoziale elemente

für arbeiter die nicht mehr arbeiten wollen
für die stromer und wüsten matrosen
für die sträflinge und heimatlosen
für die zigeuner und träumer und liebestollen

für huren in häusern mit schwülen ampeln
für selbstmörder aus zerstörungslust
und für die betrunknen die unbewußt
ein stück von einem stern zertrampeln

ich rede wie die irren reden
für mich allein und für die andern blinden
für alle die in diesem leben
nicht mehr nach hause finden

***) Wird fortgesetzt.

Judennase (1)

Jetzt wird er wieder sagen, ich beobachte „ihn“ systematisch. Weit gefehlt. Weder literarisch noch wissenschaftlich noch publizistisch ist der Dichter Lammla mir besonders wichtig. (Okay, in aufsteigender Stufung). – Ich suchte ein Zitat aus der NS-Zeit oder eigentlich nur Beispiele für einen Wortgebrauch. Archive.org ist wirklich eine Fundgrube… nicht nur für Wortsucher und Buchliebhaber, sondern auch zB für bekennende Rechtsradikale und ihre Sympathisanten, die evtl. nicht so genannt werden wollen. Wie google die Altbestände nordamerikanischer Bibliotheken, scannen sie Reden ihres Führers, Ausgaben des „Stürmer“ oder Gedichte des HJ-Führers Baldur von Schirach liebevoll ein. Oft gibt es die Dateien nicht als visuelle pdf, sondern nur im abgeschriebenen bzw. mit den üblichen Fehlern gescannten und dann als pdf ausgedruckten Text. Ich nehme an, daß manche Kameraden die Frakturschrift nicht lesen können. Nun können sie Will Vespers brünstige Verse an den Führer leicht lesen:

Hammer muß sein,
daß Eisen Stahl wird;
Hammer muß sein,
daß Masse Volk wird.

Pflug muß sein,
daß Erde Brot wird;
Pflug muß sein,
daß Leben aus Tod wird.

Schwert muß sein,
daß Ehre gewahrt wird;
Schwert muß sein,
daß Blut zu Saat wird.

Nur einer darf vollenden
solch Werk mit frommer Hand:
Gott selber muß ihn senden.

Gott hat ihn uns gesandt!

Außer diesem Altmaterial gibt es reichlich „Neues“ – Verschwörungstheorien und halt so -beweise à la „die große Sauna von Auschwitz“, die „jüdisch infiltrierte Wikipedia“ etc. pp. Ein Autor namens „Die Volksaufklärer“ – natürlich über „Die talmudische Weltverschwoerung [nicht was Sie denken] der Juden“ – traut seinem Material nicht ausreichend und gibt detaillierte Leseanleitungen, eine Probe, man beachte die originellen Wortspiele:

Grundwissen ueber die politische Klasse: Hoeren und staunen Sie, was ueber den Kinofilm – die mondverschwoerung – zur Beschmutzung von deutschen Wahrheitssuchern von dem BRDisrael-Regisseur Thomas Frickel und dem USrael-Heimatschutz-Agenten Dennis Mascarenas (…) zu hoeren ist.

Hören was zu hören ist… sie haben ein Faible für Kreisel. – Das geht ellenlang weiter, es folgen viele Links, Schulungshefte mit Seriennummern – archive.org ist inzwischen ein Hauptkanal zur Verbreitung ihres Schulungsmaterials. (Früher mußten sie noch in die Buchhandlung gehen, wo sie aus irgendeinem Grund auffielen, wenn sie eine Ausgabe der „Edda“ – „Die Geschichten, nicht die Lieder“, soviel wußten sie schon – bestellten.) Dann noch ein Link auf den Artikel „Juden“ bei Metapedia. Meta, Meta, wo habe ich das vor kurzem gehört, das seh ich mir an.

Und Lammla? – Geduld.

Die Seite ziert ein brekerähnlicher Jünglingskopf.

Als Juden (hebr. יהודים, transliteriert Jehudim) bezeichnet man die Angehörigen der jüdischen Volks- bzw. Religionsgemeinschaft (→ Judentum).

Volksgemeinschaft, ja. (Haben Juden das auch?)

Sie sind fast über alle Länder der Welt verstreut, ca. 13 bis 15 Millionen Menschen; etwa die Hälfte davon lebt heute im jüdisch besetzten Palästina, auf dem Gebiete des Besatzungsstaates Israel.

Nein, keine Hamas-, eine waschecht „völkische“ Seite.
Der Artikel bemüht sich um Sachlichkeit – auf recht niedrigem Niveau.

Im Hinblick auf eine religiöse Betrachtung gehen die Ursprünge der Juden, auch Hebräer genannt, gemäß Tanach und Altem Testament der Bibel zurück auf den Stammvater der Zwölf Stämme Israels Abraham; letztere sind Gegenstand des von einem unbenannten Autor geschriebenen 2. Buches Mose der Bibel.

Ja, richtig, in einem seriösen Lexikon muß man die Quellen exakt angeben. Zu dumm, daß das 2. Buch Mose keinen Verfassernamen trägt.

Aber man kommt auch regelmäßig nach ein paar „weichen“ Sätzen zur Sache.

Sehr viel Raum nehmen Körpermerkmale ein:

Die verhältnismäßig geringe Körperhöhe ist bedingt durch die geringe Beinlänge der Juden. Der russisch-französische Anthropologe Joseph Deniker machte auf die im jüdischen Volk verbreitete Schmalbrüstigkeit aufmerksam, einer „Kleinheit des Brustumfangs“[34], ebenso sprach der Gynäkologe Carl Heinrich Stratz von einem flachen Brustkasten vieler Juden.[35] Ein schwach entwickelter Brustkorb, der ein durch Umwelt und Tätigkeit bis zu einem gewissen Grade beeinflußbares Merkmal darstellt, und verhältnismäßig kurze Arme ergeben jedes für sich und noch mehr beide zusammen die verhältnismäßig geringe Spannweite (Klasterweite), die man innerhalb verschiedener Judengruppen festgestellt hat. Joseph Stratz spricht zudem von einem Vorkommen krummer Beine, von „schwachen Waden“ vieler Juden spricht H. Schaaffhausen. Bei Jüdinnen tritt oft ein besonders breites Becken auf, dessen ziemlich plötzlich einsetzendes Breitenwachstum zwischen etwa dem 15. und 18. Lebensjahr besonders auffällt.

Okay, da haben sie und ihre Gewährsleute genau hingesehen.

Nicht nur dieser eine Satz hat etwas Merkwürdiges:

Die „Judennase“ ist weltweit das bekannteste rassische Merkmal der Juden, obwohl diese bei den Juden seltener auftritt, als gemeinhin bekannt.

Was bedeutet das? Die Nase ist 1. das bekannteste Merkmal, obwohl sie 2. bei den Juden seltener auftritt 3. als bekannt.

– Wenn nicht bei den Juden, bei wem dann? Die Frage muß doch erlaubt sein.

(Nächstens mehr)