Dauerthema Bilderfälscher

Seit Februar kursiert ein Bild – jeden Monat speist es sich neu in soziale Netzwerke, wie jetzt gerade wieder. Es zeigt das oder ein Rathaus in Kiew, das während des „Maidan“ im Februar Sitz der nationalistischen Swoboda-Partei war. Über dem Eingang ein riesiges Hitlerbild, darunter in ukrainischer Schrift: „Hitler Befreier“. Neben dem Eingang steht jemand auf einer Leiter und klebt ein Plakat an, der Text beginnt mit dem Namen Bandera. Hinter der Leiter erkennt man die aufgesprühte oder aufgepinselte Inschrift „Stab der Revolution“.

 

Ich kenne das Bild seit Februar. Marina Weisband hatte es auf einem russischen Twitteraccount entdeckt und am selben Tag ein Foto des Rathauses gemacht – ohne Hitler, ohne Bandera. Über dem Eingang ein großes Porträt des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko (1814-1861).  Der bei Kiew als Sohn von Leibeigenen Geborene war eine Leitfigur der Revolution in der Ukraine. Wikipedia:

Bereits sein erster Gedichtband, Kobzar, wurde nur stark zensiert herausgegeben, dennoch erfuhr er tiefgreifende Resonanz bei der russischen Intelligenz. Man bescheinigte ihm Talent, kritisierte jedoch scharf die Tatsache, dass er die „bäuerliche“ ukrainische Sprache, vermeintlich ein primitiver Dialekt des Russischen, für seine Dichtung gewählt hatte. Die Verwendung der Russischen Sprache in der Ukraine wurde damals staatlich propagiert und auch Schewtschenko war davon beeinflusst. Zeitlebens schrieb er sein persönliches Tagebuch ausschließlich auf Russisch.

Taras Schewtschenko in Donezk (Ukraine)

In den darauffolgenden Jahren entstanden – beeinflusst durch zahlreiche Reisen durch seine Heimat, wo Schewtschenko erneut Unfreiheit und Armut, aber auch den alten Zeugnissen ukrainischer Kultur begegnete – immer mehr Werke mit unverhüllt rebellischem Unterton, die ihm in allen Schichten stürmische Bewunderung verschafften. Schewtschenko wurde mit seinem Stil zum Prototyp des ukrainischen Romantikers.

Nachdem sich Schewtschenko Ende der 1840er-Jahre einer idealistisch-revolutionären Vereinigung, der „Kyrillo-Methodianischen Bruderschaft“ in Kiew, angeschlossen hatte, wurde er 1847 zum Dasein als Soldat verurteilt. Man verbannte ihn, untersagte ihm auf Lebenszeit die Rückkehr in die Ukraine und jede dichterische Tätigkeit. Später verbrachte er wegen Verdachts auf Verschwörung einige Zeit im Zuchthaus. Seit 1850 wurde er in der Festung Nowopetrowsk (heute Fort Schewtschenko, Kasachstan) amKaspischen Meer unter strenger Aufsicht festgehalten. Trotz Schreib- und Malverbots entstanden in dieser Zeit Dichtungen, die unter Pseudonym von Freunden veröffentlicht wurden sowie Gemälde, die er sogar verkaufen konnte. (…)

Taras Schewtschenko wird in der Ukraine als die bedeutendste historische und literarische Gestalt verehrt. Gedichte wie Sapowit („Vermächtnis“) aus seiner Gedichtsammlung Kobsar, sind bis heute im Bewusstsein aller Generationen und Gesellschaftsschichten tief verankert. Bei den Kundgebungen der Orange Revolution 2004 auf dem Majdan in Kiew und des Euromaidan 2013/2014 wurden wieder und wieder Gedichte von Taras Schewtschenko rezitiert.

Marina Weisband twitterte am 18.2.:

So ging man mit Propaganda gegen den vor. Habe vor Ort dokumentiert.

Heute sieht es so aus:

Kiewer Stadtrat

Heute Amtssitz von Vitali Klitschko. Reste der Inschriften erkennt man noch auf den Mauern. Und Hitler? War zwar nie da, aber in den Köpfen der von russischer Propaganda Berieselten und all der Leute im Westen, die glauben wollen, daß Putin heldenhaft gegen die „Umkreisung durch den Westen“ und die „faschistische Junta“ kämpft, wird er ewig mit dem Gebäude verbunden sein.

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Zensiert

Putin hats gefallen, sagt er. Sein (!) Land verlangt gleichwohl von Deutschland, die Täterinnen zu bestrafen. Hier ein Bild mit noch einem Mund mehr:

muender2

In der amerikanischen Presse werden die Bilder natürlich zensiert. Das Wort „Dictator“ zwar ist erlaubt:

Protest

Hätten sies in Rußland andersrum gemacht? Vielleicht ja.

Rätselhaft aber das nächste Bild. „Grabbed: A security guard is seen grabbing the topless demonstrator as Mr Putin looks on“, sagt die Unterschrift. Vielleicht hält er ja nur den Balken für Putin. Aber was ist auf dem Rücken?

Grabbed: A security guard is seen grabbing the topless demonstrator as Mr Putin looks on

Offenbar ist die Inschrift dem amerikanischen Publikum nicht zumutbar. Wieviele amerikanische Kinder können wohl Russisch lesen?

Auf dem Rücken der jungen Frau steht:

Иди на хуй, Путин!

Sovielwie: Fuck you, Putin!

Protestieren ja, aber bitte anständig!

Hier mehr.

2 virgins

Der erste und im Zweifelsfall richtige Reflex: die Künstlerin verteidigen gegen das zwar nachlassende aber immer noch majoritäre Hate Speech-Bashing, das regelmäßig einsetzt, wenn Yoko Ono irgendwo auftaucht, geschweige denn den Mund aufmacht. Manchmal setzt auch bloß ein wissendes Grinsen ein. Es ist das leicht verkniffene Grinsen von Männern, die wissen, daß man sowas nicht sagen darf aber eigentlich finden, man müsse das doch sagen dürfen: daß Yoko Ono nicht singen kann; daß Yoko Ono eine Nervensäge ist; daß Yoko Ono die Beatles auf dem Gewissen hat; daß Yoko Onos Kunst nicht von Können kommt; daß Yoko Ono häßlich ist; daß Yoko Ono ohne John Lennon rein gar nichts wäre; daß Yoko Ono Hängetitten hat, schon damals, auf dem »Two Virgins«-Cover. Doch, es gibt sie noch, die mühsam zum Schweigen gebrachte Mehrheit, die sich in den P.C.-Debatten der letzten Wochen hier und da aus der Deckung traut. Man wird doch wohl noch mal…Hängetitten sagen dürfen.

Der eigentliche Skandal am Cover von »Two Virgins« besteht 1968 nicht in der unschuldigen Nacktheit von John & Yoko, es sind die Brüste von Yoko Ono, über die sich Männer (und nicht wenige Frauen) aufregen: wie kann sich eine Frau mit so großen Brüsten, die derart hängen, nackt fotografieren lassen? Fragen auch Linke. Zur selben Zeit versuchen 68er-Blätter wie Konkret und Pardon mit – makellosen – nackten Frauen auf dem Cover Kunden zu locken – im Namen der sexuellen Revolution. In diesem Kontext sind die Brüste der Yoko Ono ein Politikum, ein Affront gegen Schönheits-Diktate und – das erfahren wir in der Retrospektive – Teil einer wohlüberlegten Körperpolitik. / Klaus Walter, junge Welt

2virginsa

Mond

Gesehen vom Greifwalder Marktplatz (3) und vom Rubenowplatz (1-2)