Deutschkurse zuerst für Deutsche!

Die Ausländer nehmen uns die Deutschkurse weg. Zu erleben wieder auf der „Pegida“-Demonstration des Dresdner Volks vorige Woche:

Bildschirmfoto 2014-12-22 um 15.12.09

Also echt. Wenn ich anmerke, daß mir „das Deutsch vor den eben genannten Substantiven“ nicht gefällt, schon weil es zwei von viermal grammatisch falsch ist, lassen wir mal den Inhalt beiseite, dann soll ich aus Deutschland gehn und nicht die? Und wer macht dann die Deutschkurse????

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Der Honigmann lügt

 

und alle „Querdenker-Seiten“ verbreiten es genauso eifrig:Bildschirmfoto 2014-12-15 um 17.08.45Das Foto ist sicher genau so viel wert wie die Nachricht. Mit Google findet man über das Foto (auf dem übrigens nicht landende, sondern abfliegende Soldaten zu sehen sind): „The last Canadians involved in the NATO training mission in Afghanistan board an American Chinook helicopter, on March 12, 2014 as they leave the International Security Assistance Force (ISAF) headquarters in Kabul, Afghanistan. Patrick Blanchard/Canadian Forces“

 

Von Sektiererei, Weltverschwörungsgläubigkeit, Wutbürgerei, Homo-, Xeno- und Islamophobie

Christian Nürnberger auf seiner Facebookseite:

Seit „Vorra“ ist nun klar: Wer Migranten öffentlich „motivieren“ will, in ihren eigenen vier Wänden gefälligst Deutsch zu sprechen, motiviert die Hasserfüllten, diese vier Wände anzuzünden.

Wenn’s dann richtig brennt, haben die geistigen Brandstifter natürlich nicht das geringste damit zu tun. Zwar wurde gezündelt mit dem Satz: „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie Deutsch zu sprechen.“

Aber gleich danach wurde das entstehende Feuer auch wieder erstickt mit einem Schaumteppich aus christlich-sozialer Verlogenheit. So sei es doch gar nicht gemeint gewesen, man sei ja wieder mal von allen missverstanden worden, eigentlich habe man doch nur unseren Migranten Sprachförderung angedeihen lassen wollen, und außerdem haben wir ja unsere Aussage präzisiert.

Und warum hat man dann den Leitantrag nicht einfach gestrichen statt ihn mit einer scheinbar entschärften Formulierung doch noch durchzudrücken? Warum hat man ihn nicht durch einen bildungs- und integrationspolitischen Leitantrag ersetzt? Darin hätte stehen können: Wir verstärken das Angebot an Deutschkursen für Ausländer. Wir investieren in Bildung für deutsche Verlierer und Absteiger. Wir geben mehr Geld aus für Programme gegen Rechtsextremismus. Wir bemühen uns um sachliche Aufklärung über die Chancen und Risiken von Migration. Wir unterstützen alle Kirchengemeinden, Vereine und Bürgerinitiaiven, die sich um Flüchtlinge kümmern und um Integration bemühen. Und: Wir streichen die Herdprämie, weil wir eingesehen haben, dass durch sie gerade die Kinder von der Kita ferngehalten werden, die um einer besseren sprachlichen Entwicklung willen die Kita besonders nötig hätten.

Es gibt einen einzigen Grund, warum all dies nicht Eingang in einen CSU-Leitantrag gefunden hat: die AfD.

Die nackte Angst vor drohendem Wähler- und Machtverlust hat Pate gestanden bei der Zündelei, die doppelt codiert und doppelt adressiert ist. Den hier lebenden Migranten wird gedroht: Sprich deutsch, verhalte dich deutsch, werde deutsch, dann lassen wir dich hierbleiben, andernfalls …

Und den Ausländerhassern, den Wählern am rechten Rand und den Xenophoben aus der Mitte der Gesellschaft wird gesagt: Sorgt euch nicht. Wir von der CSU kümmern uns schon darum, dass wir nicht von einer Flüchtlingsflutwelle überrollt werden, wir ziehen die Schrauben an, wir gebieten der Überfremdung Einhalt, auf uns ist Verlass, seit Jahrzehnten schon. Ihr wisst doch: Wir waren schon immer gegen die Ausländer. Wir haben schon immer gesagt, dass Deutschland kein Einwanderungsland ist. Schon Gottvater Stoiber hatte einmal deutlich gemacht, dass er die Deutschen nicht „verrasst“ sehen möchte.

Kein Einwanderungsland – gar nicht erst hereinlassen – schneller wieder abschieben – deutsche Leitkultur – Missbrauch der Sozialsysteme – wer betrügt, der fliegt – wir haben nichts gegen Migranten, aber …. Und man erinnere sich der von Wolfgang Schäuble, Edmund Stoiber und Roland Koch initiierten Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft: Passanten in den Fußgängerzonen fragten, „wo man hier gegen die Ausländer unterschreiben kann“.

Diese über Jahrzehnte gesendeten Botschaften der CSU und der rechten Teile der CDU entfalten jetzt ihre Wirkung, zu sehen an dem Pöbel, der in diesen Tagen überall in Deutschland mit hassverzerrten Gesichtern „Wir sind das Volk“ grölt und damit die Revolution jener DDR-Bürger in den Schmutz zieht, die wirklich das Volk waren, als sie unter Aufbringung von Mut auf der Straße das SED-Regime niederdemonstrierten.

Auch die jahrzehntelangen Versäumnisse aller Parteien in der Bildungspolitik und die neoliberale Delegation von Politik an den Markt entfaltet jetzt ihre Wirkung, zu erleben bei den Menschen, die „Russia today“ eine höhere Glaubwürdigkeit attestieren als den „gekauften deutschen Mainstream-Medien“. Und zu erleben an der allgemein grassierenden Orientierungslosigkeit, Sektiererei, Weltverschwörungsgläubigkeit, blinder Wutbürgerei und Homo-, Xeno- und Islamophobie.

„Klartextler“ versus Lügenpresse?

2014 war ein erfolgreiches Jahr nicht nur für Putins Propaganda, sondern auch für Deutschlands rechten Rand. Zwar lief es bei den Wahlen nicht so gut (außer leider in Teilen Vorpommerns), aber in der Propaganda haben sie gepunktet. Immer mehr Leute, die sich als links verstanden oder verstehen, laufen auf den gleichen Demonstrationen wie die Rechtsaußen, tragen ähnliche Losungen mit sich, besuchen die gleichen Webseiten und kommentieren am Stammtisch wie auf den öffentlichen Foren die gleichen Inhalte fast mit den gleichen Worten bei immer mehr Themen (Rußland, Abkopplung von Amerika, amerikanische Banken, wem gehören die noch mal? Mißtrauen gegen die vermeintlich zentral gesteuerten sogenannten Mainstreammedien, wer steuert die noch mal? Verteidigung der Palästinenser gegen die Politik Israels, hab ich was vergessen? Ja, auch wenn es gegen Brüssel,Merkel, Gauck, Biermann oder manche Politikerinnen der Grünen geht, funktioniert die neue Einheitsfront bestens; was kommt wohl noch dazu?). Und wer sieht bei den angeblich die Wahrheit gegen die „Lügenpresse“ enthüllenden Seiten noch durch, welche von links oder von rechts kamen? Wirklich egal?
Hier ein einschlägiger Kommentar aus der Jungle World Nr. 49, 4. Dezember 2014, der einige der rechten „Aufklärungs“-Seiten nennt:

Sicher wussten Sie schon, dass die Journaille ferngesteuert wird. Derzeit geistert eine lange Liste mit Namen von Journalisten, die Mitglieder der Atlantik-Brücke sein sollen, durch die verschwörungsideologischen und neurechten Winkel des Internet. Die Seiten, die das posten, nennen sich »wissennichtglauben – Wissen ist Macht«, »volksbetrug – Die Wahrheit erkennen« oder »Archiv des verbotenen Wissens«. Sie müssen es also wissen. Letzt­genanntes Forum schreibt: »Die meisten Journalisten sind gedungene Büttel. Ein Blog namens ›Spiegelkabinett‹ hat sich die Mühe gemacht, eine Namensliste von gedungenen Volksverrätern, die über die Atlantik-Brücke ihren Judaslohn erhalten, zu erstellen.« In dieser Liste taucht auch die Jungle World auf, weil eine frühere Autorin unserer Zeitung offenbar denselben Namen trägt wie eine x-beliebige Besucherin einer Veranstaltung der Atlantik-Brücke. Bei »Spiegelkabinett« lesen wir: »Den Lesern bleibt es überlassen, aus der Liste ihre Schlüsse zu ziehen. Sie sollten allerdings der Berichterstattung der Medien, in Zukunft, etwas kritischer gegenüberstehen.« Im »Politik-Forum« erklärt ein gewisser »Satori«, warum das stimmen muss mit der Jungle World: »Jungle World schreibt per Definition proamerikanisch, die ideologische Verknüpfung zur Atlantik-Brücke ist also offenbar.« Es gibt sogar ein Youtube-Video, bei dem die ganzen Namen langsam vorgelesen werden. »Anozin TV« nennt sich der deutschnationale Kanal: »Ziel und Anspruch ist, die Realität darzustellen, auch wenn sie schmerzlich ist!« Ja, man muss sich auch Ziele stecken, die man wohl nie erreicht. Und natürlich haben auch »PI-News« und das Team von KenFM die Liste verbreitet. Wie viele der übrigen Namen auf der Liste wohl derart naiv zusammengegoogelt wurden? Wir hoffen jetzt natürlich, dass man uns eines Tages tatsächlich mal einlädt zu einer Veranstaltung der Atlantik-Brücke. Schon allein der Häppchen wegen. Yummy!

Dauerthema Bilderfälscher

Seit Februar kursiert ein Bild – jeden Monat speist es sich neu in soziale Netzwerke, wie jetzt gerade wieder. Es zeigt das oder ein Rathaus in Kiew, das während des „Maidan“ im Februar Sitz der nationalistischen Swoboda-Partei war. Über dem Eingang ein riesiges Hitlerbild, darunter in ukrainischer Schrift: „Hitler Befreier“. Neben dem Eingang steht jemand auf einer Leiter und klebt ein Plakat an, der Text beginnt mit dem Namen Bandera. Hinter der Leiter erkennt man die aufgesprühte oder aufgepinselte Inschrift „Stab der Revolution“.

 

Ich kenne das Bild seit Februar. Marina Weisband hatte es auf einem russischen Twitteraccount entdeckt und am selben Tag ein Foto des Rathauses gemacht – ohne Hitler, ohne Bandera. Über dem Eingang ein großes Porträt des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko (1814-1861).  Der bei Kiew als Sohn von Leibeigenen Geborene war eine Leitfigur der Revolution in der Ukraine. Wikipedia:

Bereits sein erster Gedichtband, Kobzar, wurde nur stark zensiert herausgegeben, dennoch erfuhr er tiefgreifende Resonanz bei der russischen Intelligenz. Man bescheinigte ihm Talent, kritisierte jedoch scharf die Tatsache, dass er die „bäuerliche“ ukrainische Sprache, vermeintlich ein primitiver Dialekt des Russischen, für seine Dichtung gewählt hatte. Die Verwendung der Russischen Sprache in der Ukraine wurde damals staatlich propagiert und auch Schewtschenko war davon beeinflusst. Zeitlebens schrieb er sein persönliches Tagebuch ausschließlich auf Russisch.

Taras Schewtschenko in Donezk (Ukraine)

In den darauffolgenden Jahren entstanden – beeinflusst durch zahlreiche Reisen durch seine Heimat, wo Schewtschenko erneut Unfreiheit und Armut, aber auch den alten Zeugnissen ukrainischer Kultur begegnete – immer mehr Werke mit unverhüllt rebellischem Unterton, die ihm in allen Schichten stürmische Bewunderung verschafften. Schewtschenko wurde mit seinem Stil zum Prototyp des ukrainischen Romantikers.

Nachdem sich Schewtschenko Ende der 1840er-Jahre einer idealistisch-revolutionären Vereinigung, der „Kyrillo-Methodianischen Bruderschaft“ in Kiew, angeschlossen hatte, wurde er 1847 zum Dasein als Soldat verurteilt. Man verbannte ihn, untersagte ihm auf Lebenszeit die Rückkehr in die Ukraine und jede dichterische Tätigkeit. Später verbrachte er wegen Verdachts auf Verschwörung einige Zeit im Zuchthaus. Seit 1850 wurde er in der Festung Nowopetrowsk (heute Fort Schewtschenko, Kasachstan) amKaspischen Meer unter strenger Aufsicht festgehalten. Trotz Schreib- und Malverbots entstanden in dieser Zeit Dichtungen, die unter Pseudonym von Freunden veröffentlicht wurden sowie Gemälde, die er sogar verkaufen konnte. (…)

Taras Schewtschenko wird in der Ukraine als die bedeutendste historische und literarische Gestalt verehrt. Gedichte wie Sapowit („Vermächtnis“) aus seiner Gedichtsammlung Kobsar, sind bis heute im Bewusstsein aller Generationen und Gesellschaftsschichten tief verankert. Bei den Kundgebungen der Orange Revolution 2004 auf dem Majdan in Kiew und des Euromaidan 2013/2014 wurden wieder und wieder Gedichte von Taras Schewtschenko rezitiert.

Marina Weisband twitterte am 18.2.:

So ging man mit Propaganda gegen den vor. Habe vor Ort dokumentiert.

Heute sieht es so aus:

Kiewer Stadtrat

Heute Amtssitz von Vitali Klitschko. Reste der Inschriften erkennt man noch auf den Mauern. Und Hitler? War zwar nie da, aber in den Köpfen der von russischer Propaganda Berieselten und all der Leute im Westen, die glauben wollen, daß Putin heldenhaft gegen die „Umkreisung durch den Westen“ und die „faschistische Junta“ kämpft, wird er ewig mit dem Gebäude verbunden sein.