Putins Humor (1)

Die Szene hat das Zeug zum Klassiker. Bei seinem umstrittenen Wien-Besuch wurde Wladimir Putin in der Wirtschaftskammer von Christoph Leitl mit den Worten begrüßt: „Ich bin schon so lange Präsident, dass ich Sie nun schon zum dritten Mal begrüßen darf.“ Diese Worte quittierte der andere, der russische Präsident, völlig unvermittelt mit dem Ruf: „Diktatur!“

Was nun folgte, war eine äußerst interessante Schrecksekunde. Einen kurzen Moment lang hatte die Überraschung die anderen Protagonisten völlig gelähmt. Denn plötzlich hatte der Autokrat auf einer ganz anderen Klaviatur gespielt. Und das auch noch doppeldeutig. Denn der Ausruf war sowohl selbstironisch als auch irgendwie aufklärerisch und dissident. Gab er doch „dem Westen“ dessen Botschaft zurück: Ihr schimpft mich Diktator – und was seid ihr? Beides war gleichermaßen unerwartet und – man kann es nicht anders sagen – wirklich lustig. (…)

Dieser postmoderne Umgang mit Macht blitzte in der Schrecksekunde in der Wirtschaftskammer auf – und brachte die Leute zum Verstummen. Aber Putin überholte sie alle noch einmal: „Aber gute Diktatur!“, rief er hinterher. Und die Leute lachten, als wäre das die Erlösung. Gute Diktatur – gibt es für ihn denn eine andere? / Isolde Charim, Wiener Zeitung

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