Stopfake

Ein Bericht des Kreml-gesteuerten russischen Fernsehsenders NTW. Mit dramatischer Musik unterlegt zeigt er Bilder einer ukrainischen Militärkolonne. Die Regierung in Kiew lasse auf Zivilisten schießen, behauptet der Sprecher. Als Beleg sieht der Zuschauer eine Frau, die sie sich in einem engen Kellerraum verkriecht. Der Sprecher erklärt: Viele, die die Anti-Terroroperation der ukrainischen Armee überleben wollten, versteckten sich unter der Erde. Die Frau bestätigt das: „Wer hätte gedacht, dass wir den Keller einmal als Bunker benutzen würden, im Frieden, im 21. Jahrhundert in der Ukraine“.

Der Bericht dürfte viele Zuschauer empört haben, doch er ist schlicht gefälscht. Die Frau wohnt gar nicht im umkämpften Gebiet, sondern 300 Kilometer entfernt. Nachbarn haben sie erkannt und die Organisation „stopfake“ informiert. Deren Mitarbeiter haben die Frau noch einmal besucht und die Angaben überprüft.

Mit solchen Berichten macht das russische Fernsehen seit Wochen Stimmung. Der Tenor: In der Ukraine ist eine faschistische, kriegstreiberische Regierung an der Macht. Das verfange, sagt Tetjana Matytschak, eine der Aktivistinnen von „stopfake„.

„Meine Bekannten in Moskau haben mich zu sich eingeladen, ich solle vor den Faschisten in Kiew fliehen. Als ich abgelehnt habe, haben sie den Kontakt zu mir abgebrochen. Offenbar sei ich selber zur Faschistin geworden, haben sie gesagt, sonst würde ich es nicht in Kiew aushalten. 16 Jahre kenne ich die Familie, Leute mit Hochschulbildung – und sie lassen sich vom Fernsehen einreden, die Ukrainer seien über Nacht schlechte Menschen geworden.“

So traurig das ist, für Tetjana war diese Erfahrung der Beweis, dass sie die vergangenen Monate nicht verschwendet hat. Die Journalistin hat ihre gesamte Freizeit dem Projekt „stopfake“ gewidmet – einer Internetseite, die Fälschungen von Medien entlarvt, vor allem von russischen Medien. Die meisten werden über soziale Netzwerke im Internet verbreitet.

„Am häufigsten sind Fälschungen von Fotos mit verletzten oder getöteten Kindern. Unter dem Bild steht dann: Slowjansk im Bezirk Donezk. Oder: eine Szene in Luhansk nach einem Luftangriff der ukrainischen Armee. In Wahrheit stammen die Fotos aus Syrien oder Ägypten, wo Konflikte viele Opfer gefordert haben. Internationale Organisationen haben festgestellt, dass in der Ostukraine bisher kaum Kinder verletzt oder gar getötet wurden.“

Immer wieder berufen sich russische Medien auf anonyme Quellen mit abstrusen Behauptungen. So zitierte die staatliche Nachrichtenagentur „Ria Novosti“ gestern separatistischen Kämpfer aus Luhansk. Sie behaupteten, die ukrainische Armee sei selbst für den Abschuss eines Militärflugzeugs am Samstag verantwortlich. Es gebe rivalisierende Gruppen innerhalb des Militärs, so „Ria Novosti“. Dabei hatte der Anführer der Luhansker Separatisten sich längst zu dem Anschlag bekannt. / DLF

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