„Putin zerstört die Ambiguität“

Der polnische Schriftsteller Adam Michnik, einer der bedeutendsten polnischen Dissidenten, heute Chefredakteur der „Gazeta Wyborcza“, sprach mit Alan Posener in Berlin über die Ukraine.

Die Welt: Ihr Vater war vor dem Krieg KP-Funktionär in der Westukraine. Haben seine Erfahrungen damals etwas mit Ihrer Haltung heute zu tun?

Adam Michnik: Die Erinnerung an meinen Vater ist für mich nicht bestimmend. Aber auch nicht bedeutungslos. Als Stalin die ukrainische KP säuberte und den angeblichen ukrainischen Nationalismus kritisierte, stellte sich mein Vater nicht auf die Seite der Ukrainer, sondern, wie die polnische KP damals auch, auf die Stalins. Später hielt er das für den größten Fehler seines Lebens. Mir sagte er: „Denke daran, du musst dich immer auf die Seite der Ukrainer stellen.“ Ich habe das so verstanden, dass man sich auf die Seite des Rechts stellen muss, nicht auf die Seite der Macht. Deshalb stehe ich heute aufseiten der Ukrainer, im Gegensatz zu Ihrem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, der sich auf die Seite der Macht geschlagen hat.

Die Welt: Ein Ukrainer sagte mir neulich: Unser Land lebt aus der Ambiguität. Wir haben eine hybride Nationalität. Wir sprechen Russisch und Ukrainisch. Wir haben vier orthodoxe Kirchen und außerdem Katholiken, Muslime und Juden. Putin zerstört diese Ambiguität. Er zwingt die Leute, sich für eine Identität zu entscheiden.

Michnik: War es vor Bismarck in Deutschland nicht ähnlich? In Italien vor Garibaldi? Die Ukraine hat eine andere, aber keine völlig andere Geschichte. Sie ist eben auch eine verspätete Nation. Zu den von Ihnen genannten Prägungen kommt außerdem die immer noch vorhandene sowjetische Identität hinzu. Weder ukrainisch noch russisch, sondern sowjetisch. Der große Schock setzte in Moskau denn erst ein, als die Ukrainer begannen, Lenin-Denkmäler zu stürzen. Denn diese Denkmäler sollten die Einheit der Sowjetvölker besiegeln.

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