Patriotische Reime

„Patriot aber kein Nazi“ will ein rheinischer Reimfreund sein und repostet Reime wie diese:

Vom Arbeitsamt da komm ich her und sage euch, offene stellen gibt es nicht mehr. Überall auf den stufen und kanten, sitzen Asylanten mit ihren Verwandten und draußen vor verschlossenem Tor stehen geduldig die Deutschen davor und wie ich so geh am Rathaus vorbei, da sehe ich nur Leute aus der Türkei, die feilschen und füllen mit Geld ihre Taschen (…)

Für mich klingt das nach Volksverhetzung, und auch um die Reimkunst in Doitschland steht es schlecht.

Überhaupt ist die Freude am Dummreim ungebrochen, nicht nur bei deutschen Patrioten:

Drum lieber Beamter, sei unser Gast,
und gib uns Schweizern, was Du noch übrig hast!
Der Ali hat Kohle, der Hassan nimmt Drogen,
der Schweizer zahlt und wird noch betrogen.
Drum sei dies‘ Gedicht nun endlich zu Ende,
hoffend, Ihr Lieben, auf baldige Wende !…..

„Von ERICH KÄSTNER  oder  GOTTFRIED KELLER ?“ schreibt der wackere Eidgenosse darüber, au weia. Auch im Nachbarland fehlt es an politischer und ästhetischer Bildung . Gottfried Keller war Demokrat, und er konnte reimen. Ich brauch jetzt Poesie! Die hat Keller nicht nur im lyrischen Ton („Augen meine lieben Fensterlein“), sondern auch im Zorn auf Volksverhetzer:
Die öffentlichen Verleumder.

Ein Ungeziefer ruht
In Staub und trocknem Schlamme
Verborgen, wie die Flamme
In leichter Asche thut.
Ein Regen, Windeshauch
Erweckt das schlimme Leben,
Und aus dem Nichts erheben
Sich Seuchen, Glut und Rauch.

Aus dunkler Höhle fährt
Ein Schächer, um zu schweifen;
Nach Beuteln möcht‘ er greifen
Und findet bessern Wert:
Er findet einen Streit
Um nichts, ein irres Wissen,
Ein Banner, das zerrissen,
Ein Volk in Blödigkeit.

Er findet, wo er geht,
Die Leere dürft’ger Zeiten,
Da kann er schamlos schreiten,
Nun wird er ein Prophet;
Auf einen Kehricht stellt
Er seine Schelmenfüße
Und zischelt seine Grüße
In die verblüffte Welt.

Gehüllt in Niedertracht
Gleichwie in einer Wolke,
Ein Lügner vor dem Volke,
Ragt bald er groß an Macht
Mit seiner Helfer Zahl,
Die hoch und niedrig stehend,
Gelegenheit erspähend,
Sich bieten seiner Wahl.

Sie teilen aus sein Wort,
Wie einst die Gottesboten
Gethan mit den fünf Broten,
Das klecket fort und fort!
Erst log allein der Hund,
Nun lügen ihrer tausend;
Und wie ein Sturm erbrausend,
So wuchert jetzt sein Pfund.

Hoch schießt empor die Saat,
Verwandelt sind die Lande,
Die Menge lebt in Schande
Und lacht der Schofelthat!
Jetzt hat sich auch erwahrt,
Was erstlich war erfunden:
Die Guten sind verschwunden,
Die Schlechten stehn geschart!

Wenn einstmals diese Not
Lang wie ein Eis gebrochen,
Dann wird davon gesprochen,
Wie von dem schwarzen Tod;
Und einen Strohmann bau’n
Die Kinder auf der Haide,
Zu brennen Lust aus Leide
Und Licht aus altem Grau’n.

Karl Kraus druckte das Gedicht im Jahr 1926 in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ nach, er sah in Keller einen Verbündeten in seinem Kampf gegen politische und publizistische Verwahrlosung. Das jiddische Wort „schofel“ zeigt prägnant auf Roß und Reiter:

Hoch schießt empor die Saat,
Verwandelt sind die Lande,
Die Menge lebt in Schande
Und lacht der Schofelthat!
Jetzt hat sich auch erwahrt,
Was erstlich war erfunden:
Die Guten sind verschwunden,
Die Schlechten stehn geschart!)

Sie standen geschart. Sieben Jahre später veröffentlicht Kraus seine Antwort auf Hitlers Sturmtruppen ebenfalls in Reimversen:

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bleibe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war’s einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.

Karl Kraus: Man frage nicht. Die Fackel, Nr. 888, Oktober 1933, XXXV. Jahr, S. 4.

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Normal

„Selbstverständlich“ hätten die Gedichte keinen Reim, schreibt ein Rezensent (http://www.jungewelt.de/2014/02-04/048.php) und findet das nicht normal – „Wie formalistisch sollen Gedichte sein?“ fragt er kritisch.

Andere haben andere Normen – auch in Sachen Reim:

Zschäpe-Prozeß: Es ist ein sehr zäher Morgen, an dem die Zeugin immer und immer wieder befragt wird. Bis zu dem Moment, an dem der Anwalt Yavuz Narin der Frau zwei ganz einfache Fragen stellt. „Wie würden Sie die politische Gesinnung Ihres Ehemanns charakterisieren?“ – „Normal“, sagt die Zeugin. „Wie ist denn Ihre politische Gesinnung?“ – „Normal“, sagt die Zeugin erneut.

Normal bedeutet für die Zeugin aber offenbar etwas ganz anderes als für Narin. Der Anwalt hat sich den Facebook-Account der Zeugin und ihres Ehemannes angesehen und nun werden die Screenshots davon an die Wände im Gerichtssaal geworfen. Unter ihren Favoriten hat die Zeugin einen Link: „Keine weiteren Asylanten-Heime im Landkreis Meißen!“

Ihr Mann gibt sich noch radikaler. Ein Adler schaut einen auf seiner Seite an, darüber der Schriftzug in altdeutschen Lettern: „Deutsche geben niemals auf, wir kommen wieder!“ Auch dem Reimen ist der Gatte geneigt, er hat dort ein Gedicht stehen: „Der Ali hat Kohle, der Hassan hat Drogen, wir Deutschen zahlen und werden betrogen.“

Süddeutsche Zeitung (http://www.sueddeutsche.de/politik/zeugin-im-nsu-prozess-alles-ganz-normal-in-zwickau-1.1879010)