Der rechte Kellerherr

Es riecht ein wenig nach Herrenreiter, wenn die Süddeutsche Zeitung über das noble, edle – tatsächlich fallen beide Adjektive gleich eingangs – Dresdner Viertel Weißer Hirsch schreibt. Aber nein, so fängts an, heilige Metonymie:

Im noblen Dresdner Tellkamp-Viertel

o lala, hat er auch artig geknickst?.

 eröffnet der stramm rechte Felix Menzel ein Bildungszentrum. Es kommen Mandy, Kevin und, hoppla, die Nachbarn

2 Sätze weiter noch mal so rum:

Um 20 Uhr soll im edlen Viertel Weißer Hirsch in Dresden das rechte ‚Zentrum für Jugend, Identität und Kultur‘ eröffnen.

Aber man lese weiter. Ein rechtes Bildungszentrum im Keller von Tellkamps Turm. Vom eher proletarischen Chemnitz zog der rechte Kellerherr ins bürgerliche Dresden am Hang. Mal sehn wer kommt:

Felix Menzel, 27, verheiratet, zwei Kinder, Gründer und Chefredakteur der rechten Zeitschrift Blaue Narzisse. Die Narzisse begann als Schülerzeitung in Chemnitz, heute gehört sie gedruckt wie Online zu den Zentralorganen der mindestens Rechtskonservativen. Menzel betreibt über die Webseite einen ordentlich gehenden Online-Shop, einer der Top-Seller ist ein Aufkleber der ‚Identitären Bewegung‘ (siehe Kasten) – 30000 Stück hat er bislang abgesetzt, tagelang stand er deswegen im Lager und machte nichts anderes, als Aufkleber zu verpacken. Über diese Einnahmen und Spenden finanziert er nun, vorläufig befristet auf ein Jahr, das Zentrum auf dem Weißen Hirsch.

Menzel stellt sich das Zentrum als ‚eine Art Volkshochschule‘ vor, im Oktober soll das Seminarprogramm beginnen. Geplant sind Blockseminare zu ‚politischem Aktivismus‘ und ‚Journalismus und Publizistik‘. Letztere wird hier auch ganz praktisch betrieben, neben Menzel haben zwei weitere Mitarbeiter Büros, auch um die Webseite der Narzisse zu füttern.

Warum der Umzug von Chemnitz nach Dresden? ‚Es ist ja nicht so, dass wir vom Mars nach hierher gekommen sind‘, sagt Menzel, und dann kommt die Rede wieder auf Uwe Tellkamp. Menzel sieht da eine Verbindung, zwischen seinen Gesinnungsgenossen und der unfreien, intellektuellen Geisteselite der DDR. Auch diese sei ’nonkonform‘ gewesen und habe ‚vielleicht nicht die Öffentlichkeit bekommen‘, die sie verdient gehabt hätte. Das ist natürlich ein schönes Trittbrett, das sich Menzel da ausgesucht hat, aber ganz praktisch ist es erstmal so, dass er nicht im Turm, sondern in einem Keller sitzt. Nackte weiße Wände, Neonröhren, Deckenhöhe: 2,04 Meter.

Menzel ist belesen, Rilke, Kafka, Philosophen aller Herren Länder. Er sagt: ‚Wir sind demokratisch‘. Er sagt: ‚Ich bin für Europa.‘ Er sagt, er sei punktuell auch für Einwanderung. Es scheppert erst auf Nachfrage: Punktuell bedeute, verkürzt: Der ‚persische Arzt‘ darf rein, der ‚arbeitslose Araber nicht‘. Es schwindelt einen, wenn man Menzel eine Weile zuhört, weil er die Namen großer Denker und Literaten nimmt, um sie zu wehrlosen Kronzeugen seiner Schlüsse zu modellieren.

Ein stramm Rechter nistet sich ein, mitten im Dresdner Bürgertum. Einer, dessen Aufsätze aus dem Gemeinschaftskunde-Unterricht der zwölften Klasse bereits vom Verfassungsschutz mitgelesen wurden und der gerne zum Thema ‚Skandalokratie‘ promovieren würde. Muss man sich deshalb Sorgen machen? Vermutlich nicht allzu sehr, weil es hinter dem hellen Kellergeist Menzel mehr Schatten als Licht gibt. Mandy und Kevin jedenfalls beteiligen sich am Montagabend nicht am intellektuellen Diskurs über den Begriff Heimat.

Süddeutsche Zeitung 3.7.

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