„Radikal“

Ein neuer Verlag macht so auf sich aufmerksam:

Der Moränenland-Verlag bevorzugt das Abseits. Er entsteht dort, er wird dort bleiben. Wer sich bewußt von vornherein außerhalb stellt, bedarf nicht erst des Aktes einer Sezession, die kunst- und literaturgeschichtlich immer dann erfordert war, wenn in der allzu großen, allzu breiten, allzu öden Ebene kaum mehr Eigenständiges entstehen konnte – politisch ebensowenig wie künstlerisch. Insofern sagt der Verlag dem Gängigen, dem Gewohnten, dem Gefälligen offensiv ab. Er möchte gerade kein „Poetenladen“ sein, in dem sich die empfindsamen Introvertierten in ihren Belanglosigkeiten spiegeln, während das Leben, das natürliche wie das gesellschaftliche, als das schlechthin Unheimliche draußen stattfindet.

Also: Bewußte Diskontinuität. Selektionsvorlage. Nicht fortsetzen, sondern radikal neu anfangen.

Wahr gesprochen. Es ist kein Poetenladen, in dem es Bücher von Kerstin Hensel und Anne Dorn, Jean Krier und Ron Winkler, Jan Kuhlbrodt und Uwe Hübner, Jürgen Brôcan und Ulrich Koch, Andreas Altmann und Katharina Bendixen, Michael Fiedler und Thomas Böhme neben vielen anderen gibt, Bücher, in denen der flotte Jungverleger und Überleser „sich die empfindsamen Introvertierten in ihren Belanglosigkeiten spiegeln“ sieht. Wieviele dieser Bücher hat er gelesen? Man kann fast wetten: kein einziges. Wer bei sovielen Namen nur Gängiges, Gewohntes, Gefälliges und Belangloses sieht, hat sich schon hinreichend als Schmock entlarvt. Seine polemische Methode kann man beim Freitag studieren. Dort machte er sich einen gewissen Namen als Polemiker, zitierte aber vorwiegend pseudonyme Blogger wie „Eisenhans“ und schob dann ein Gedicht der Huchelpreisträgerin Nora Bossong nach, das er aber nicht aus ihrem prämierten Buch, sondern aus dem Ganz-weit-weg-Web zitierte. Wahrscheinlich hatte er das Buch grad nicht zur Hand. Man kann sich nicht mit allem Belanglosen näher befassen.  Den Unkundigen imponiert man damit allemal, ob sie nun rechts oder links siedeln.

„Zu viel Schwachstrom. Keine Lichtbögen“ befand der naseweise Ignorant und forderte „Mut zu einem neuen Expressionismus, wenn der moderne Impressionismus ganze Jahrzehnte zum Aquarellieren seiner Empfindungen hatte“. Was liegt da näher als einen eigenen Verlag zu gründen, in dem man radikal und ohne Rücksicht auf Mainstream und Markt Starkstrom und nichts als das verlegt?

Gesagt getan. Unser Polemiker geht ans Werk und verlegt Gedichte wie dieses (Literatur, werde wesentlich!):

Elbsandsteingebirge

Im Großen Zschand sammelt der Regen
die Richterschlüchte hinunter,
woraus die Felsen einst waren, den Sand:
Weicher Grund des uralten Kreidemeeres.
Vernimm an den Thorwalder Wänden
das tiefe mesozoische Schweigen, sieh
den ruhigen Flug des Pfeilschwanzrochens
über dir die Korrallenbänke entlang.

Aha, hm. Das ist das ganz Andere, Belangvolle, Wesentliche, Stahlharte, die neue Inspiration? Das sind „riskante Experimente des Geistigen und Ästhetischen“? Pustekuchen. Das ist gefällige Postkartenlyrik. Vernimm das tiefe Schweigen im, wo wohl? Weichen Grund. Woraus die Felsen „einst“ waren. Der Verfasser sollte  Peter Huchel, Günter Eich, Johannes Bobrowski lesen und lernen, wie Naturlyrik im 20. Jahrhundert aus dem Postkartenidyll ausbrach. Ach was, Annette von Droste-Hülshoff das Jahrhundert zuvor, „Die Mergelgrube“ zum Beispiel:

Wie zürnend sturt dich an der schwarze Gneis,
Spatkugeln kollern nieder, milchig weiß,
Und um den Glimmer fahren Silberblitze;
Gesprenkelte Porphyre, groß und klein,
Die Ockerdruse und der Feuerstein –
Nur wenige hat dieser Grund gezeugt,
Der sah den Strand, und der des Berges Kuppe;
Die zorn’ge Welle hat sie hergescheucht,
Leviathan mit seiner Riesenschuppe,
Als schäumend übern Sinai er fuhr,
Des Himmels Schleusen dreißig Tage offen,
Gebirge schmolzen ein wie Zuckerkand,
Als dann am Ararat die Arche stand,
Und eine fremde, üppige Natur,
Ein neues Leben quoll aus neuen Stoffen.

Verglichen damit bieten die drei Leseproben auf der Verlagsseite nur Zuckerkand. Der kann er nicht das Wasser reichen! Geschweige dem 20. und 21. Jahrhundert, wo es auch zu dem Thema Belangvolleres als seins gibt. Aber der Ignorant hat Glück, er liest ja die anderen nicht.

Radikal anders wollte der neue Verlag mit dem bodenständigen Namen sein. Was liegt näher, als bei sich selbst zu beginnen. Der laut Verlagsseite bislang einzige Band des Verlags stammt vom Verleger selber. Denn Heino Bosselmann (Verleger) ist nur ein anderer Name für Martin Mollnitz (Dichter). Gründet einen Verlag, verlegt seine eigenen Gedichte und beendet damit die jahrzehntelange Stagnation der deutschen Lyrik.

Soviel dazu. Die Verlagswerbung ist halbseidener Zuckerkand, höchstens mal an einem Stahl- (nein nicht -gewitter, -kochtopf) vorbeigetragen. Unser Wagenkorb bleibt leer.

Und ich, ich gönn mir noch eine Strophe Droste als Antidot:

Ha, auf der Schieferplatte hier Medusen –
Noch schienen ihre Strahlen sie zu zücken,
Als sie geschleudert von des Meeres Busen,
Und das Gebirge sank, sie zu zerdrücken.
Es ist gewiß, die alte Welt ist hin,
Ich Petrefakt, ein Mammutsknochen drin!
Und müde, müde sank ich an den Rand
Der staub’gen Gruft; da rieselte der Grand
Auf Haar und Kleider mir, ich ward so grau
Wie eine Leich‘ im Katakomben-Bau,
Und mir zu Füßen hört‘ ich leises Knirren,
Ein Rütteln, ein Gebröckel und ein Schwirren.
Es war der Totenkäfer, der im Sarg
So eben eine frische Leiche barg;
Ihr Fuß, ihr Flügelchen empor gestellt
Zeigt eine Wespe mir von dieser Welt.
Und anders ward mein Träumen nun gewandet,
Zu einer Mumie ward ich versandet,
Mein Linnen Staub, fahlgrau mein Angesicht,
Und auch der Skarabäus fehlte nicht.

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