Über Feinde

84.

Von den Feinden Nutzen ziehen. Man muß alle Sachen anzufassen verstehen, nicht bei der Schneide, wo sie verletzen, sondern beim Griff, wo sie beschützen; am meisten aber das Treiben der Widersacher. Dem Klugen nützen seine Feinde mehr, als dem Dummen seine Freunde. Das Miswollen ebnet oft Berge von Schwierigkeiten, mit welchen es aufzunehmen die Gunst sich nicht getraute. Vielen haben ihre Größe ihre Feinde auferbaut. Gefährlicher, als der Haß, ist die Schmeichelei, weil diese die Flecken verhehlt, die jener auszulöschen arbeitet. Der Kluge macht aus dem Groll einen Spiegel, welcher treuer ist, als der der Zuneigung, und beugt dann der Nachrede seiner Fehler vor, oder bessert sie. Denn die Behutsamkeit wird groß, wenn Nebenbuhlerei und Miswollen die Grenznachbarn sind.

Aus: Balthazar Gracian’s Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit. Aus dessen Werken gezogen von Don Vincencio Juan de Lastanosa, und aus dem spanischen Original treu und sorgfältig übersetzt von Arthur Schopenhauer. (Nachgelassenes Manuskript). 2. unveränd. Aufl. Leipzig: F.A. Brockhaus, 1871, S. 52f.

 

Aphorism #84 Make use of your Enemies.

You should learn to seize things not by the blade, which cuts, but by the handle, which saves you from harm: especially is this the rule with the doings of your enemies. A wise man gets more use from his enemies than a fool from his friends. Their ill-will often levels mountains of difficulties which one would otherwise not face. Many have had their greatness made for them by their enemies. Flattery is more dangerous than hatred, because it covers the stains which the other causes to be wiped out. The wise will turn ill-will into a mirror more faithful than that of kindness. and remove or improve the faults referred to. Caution thrives well when rivalry and ill-will are next-door neighbours.

Baltasar Gracian y Morales: Art of Worldly Wisdom. Transl. Joseph Jacobs (1904)