Defensiver Buchpreis

Tatsächlich hat die Jury mit der Auszeichnung von David Wagners autobiografischen Skizzen die einzig denkbare Entscheidung getroffen, die einen Ausweg aus der selbst gestellten Originalitätsfalle ermöglichte. Denn die übrigen Nominierungen in der Belletristik hatten schon bei der Bekanntgabe der Shortlist für allgemeines Kopfschütteln gesorgt.

(…) verdienstvoll diese Kritikernachhilfe, aber nicht mehr. Dafür aber fehlen so wichtige Frühjahrstitel wie die neuen Romane von Eva Menasse, Michael Köhlmeier oder Ernst-Wilhelm Händler. Oder auch der im Herbst zu spät für den Deutschen Buchpreis erschienene „Atlas eines ängstlichen Mannes“, das lang erwartete große neue Buch von Christoph Ransmayr.

Dass eine mit so viel Kompetenz und Erfahrung besetzte Jury (unter dem Vorsitz von Hubert Winkels) so auf Nebensächliches, ja Abseitiges setzte, ist nur erklärbar durch einen Minderwertigkeitskomplex der Leipziger gegenüber der Frankfurter Konkurrenz und ihrem in der verkaufsfördernden Wirkung viel erfolgreicheren Preis. So glaubt man offenbar, auf vermeintlich zu Unrecht Übersehenes oder noch Unbekanntes hinweisen zu müssen – eine defensive Grundhaltung, die gerade nicht von Souveränität zeugt und den Abstand in der Außenwirkung zwischen den beiden wichtigsten Preise für deutschsprachige Literatur (der Büchnerpreis ehrt ein Gesamtwerk) nur noch weiter zu vergrößern droht. / Richard Kämmerlings, Die Welt 16.3.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s