Judennase (2)

Nach dem Wühlen in der vornehmbraunen Scheiße völkischer Rassenkunde brauche ich eine Literaturpause. Schon als ich die vorige Folge schrieb, stellten sich Worte aus einem Gedicht Paul Celans ein – eins meiner vielen Lieblingsgedichte und eins meiner liebsten Celangedichte. Es zeigt schön eine oft verkannte Eigenschaft des Dichters – seinen Humor, den auch unvermeidliche Bitterkeit nicht auslöscht. Und sein Plebejertum. Ein Bruder des alten Franzosen François Villon. Er, auch er, steht gegen Dünkel und Pest:

EINE GAUNER- UND GANOVENWEISE
GESUNGEN ZU PARIS EMPRÈS PONTOISE
VON PAUL CELAN
AUS CZERNOWITZ BEI SADAGORA

Manchmal nur, in dunkeln Zeiten,
Heinrich Heine, An Edom

Damals, als es noch Galgen gab,
da, nicht wahr, gab es
ein Oben.

Wo bleibt mein Bart, Wind, wo
mein Judenfleck, wo
mein Bart, den du raufst?

Krumm war der Weg, den ich ging,
krumm war er, ja,
denn, ja,
er war gerade.

Heia.

Krumm, so wird meine Nase.
Nase.

Und wir zogen auch nach Friaul.
Da hätten wir, da hätten wir.
Denn es blühte der Mandelbaum.
Mandelbaum, Bandelmaum.

Mandeltraum, Trandelmaum.
Und auch der Machandelbaum.
Chandelbaum.

Heia.
Aum.

Envoi

Aber,
aber er bäumt sich, der Baum. Er,
auch er
steht gegen
die Pest.

Aus: Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe. Hg. u. komm. v. Barbara Wiedemann. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2003, S. 135f.

Ein Hauptspaß und eine plebejische Verbrüderungsszene schon die Überschrift, durch 1. Nennung unmißverständlicher Berufsbezeichnungen, ein Gauner- und Ganovenfest, es findet in Paris statt am Anfang der 60er Jahre seines Jahrhunderts, das lange auch meins war und es nun schon lang nicht mehr ist. Nicht in einem Nobelviertel der Hauptstadt. „Paris emprès Pontoise“, das war Villons galliger Spott auf die Metropole, die ihn hängen sehn wollte. „Pontoise ist eine Gemeinde mit 29.548 Einwohnern (Stand 1. Januar 2010) nordwestlich der französischen Hauptstadt Paris.“ (Wikipedia).* „Paris bei Pontoise“ (Villon).

Celan, der Sänger**, zitiert Villon gleich noch einmal, indem er mit beider Dichtung auch ihre Biographie verbandelt. Er stammt aus der Metropole Czernowitz, der Stadt, in der Bücher und Menschen lebten, aber hier schließt er sich Villons Metropolenschmäh an. „Sadagora, rumänisch Sadagura; russisch Садгора) ist ein Mikrorajon von Czernowitz“ (Wikipedia). Die Plebejer drehen den Spieß um: Czernowitz bei Sadagora. Der Spaß kann beginnen.***

*) Aus Diderots Enzyklopädie, Bd. 13 (1765):

PONTOISE ou PONT-OYSE, (Géogr. mod.) c’est-à-dire pont sur la riviere d’Oyse, en latin Brivisara, selon l’Itineraire d’Antonin, & Brivaisara, selon la Table de Peutinger ; ville de France, capitale du Vexin françois, sur la riviere d’Oyse, qu’on passe sur un pont à 20 lieues au sud-est de Rouen, & à 7 au nord-ouest de Paris. Il y a un bailliage & une élection, une collégiale, une abbaye d’hommes de l’ordre de saint Benoît ; plusieurs paroisses & communautés:l’archevêque de Rouen y tient un grand-vicaire.

Cette ville fut prise d’assaut sur les Anglois en 1442. Les états généraux y furent assemblés en 1561. Le parlement de Paris y a été transféré trois fois, savoir en 1652, en 1720, & en 1753 ; mais de telles translations ne peuvent jamais être de longue durée, parce que les affaires publiques en souffriroient un trop grand dommage. Long. 19d 45′. lat. 49d 3′.

(…)

Villon (François), ainsi qu’il se nomme lui-même dans ses poésies, & non pas Corbueil, comme l’ont écrit vingt auteurs depuis Fauchet, naquit selon plusieurs auteurs en 1431, à Auvers, près de Pontoise, & selon d’autres plus probablement, à Paris.

Quoi qu’il en soit, Villon avoit beaucoup d’esprit & un génie propre à la poésie ; mais se livrant sans mesure à son tempérament voluptueux, il se jetta impétueusement dans la débauche, & par une suite presque inévitable de la débauche, dans la friponnerie. Il en fit de si grandes qu’il fut condamné à être pendu par sentence du châtelet ; mais le parlement de Paris commua la peine de mort en celle de simple bannissement. Il est vraissemblable que son crime étoit quelque vol d’église, de sacristie, pour avoir dérobé les ferremens de la messe, & les avoir mussez soubs le manche de la paroece, ainsi que s’exprime plaisamment le satyrique Rabelais. Villon mourut vers la fin du quinzieme siecle ou le commencement du seizieme, soit à Paris, soit à Saint-Maixent en Poitou.

On a donné plusieurs éditions de ses Œuvres ; la premiere est à Paris, chez Antoine Verard, sans date & en caractere gothique ; la seconde est à Paris chez Guillaume Nyverd, sans date également, & pareillement en caractere gothique ; ensuite chez Gaillot du Pré en 1532 & 1533, in-16. Enfin les deux meilleures éditions sont celles de Paris en 1723, chez Coustelier, in-8°. & à la Haye plus complettement, en 1742, in-8°.

Les ouvrages de Villon consistent dans ses deux testamens, ses requêtes, des rondeaux, des ballades, &c. Le style simple, léger, naïf & badin en fait le caractere. Despréaux dit en parlant de ce poëte :

Villon sut le premier, dans ces siecles grossiers, Débrouiller l’art confus de nos vieux romanciers.

(Le Chevalier de Jaucourt.)

Ich übersetze eine Passage über Villon:

Jedenfalls hatte Villon viel Geist & eine echte Begabung für die Dichtkunst, aber da er sich maßlos seiner wollüstigen Veranlagung ergab, warf er sich in Ausschweifungen, und als eine fast unvermeidliche Folge der Ausschweifungen in Schurkerei. So schlimm, dass er zum Hängen verurteilt wurde. Doch das Parlament von Paris wandelte die Todesstrafe in einfache Verbannung um. Wahrscheinlich bestand sein Verbrechen in Kirchenraub, daß er das Meßgerät gestohlen und unter dem Glockenturm des Dorfs versteckt hatte, wie es der Satiriker Rabelais liebenswert ausdrückt.

**) Anmerkung für Germanisten: kein lyrisches Subjekt, sondern der Plebejer Paul Antschel, den es aus Galizien an die Seine verschlagen hat, fragen wir jetzt nicht wieso, denn er singt seinen Freunden ein Scherzlied. Ein Jahrzehnt vorher und ausgerechnet im grauen Ostberlin hatte eine Dichterin, Christa Reinig, unter anderen Umständen so gesungen:

HÖRT WEG!

kein wort soll mehr von aufbau sein
kein wort mehr von arbeit und altersrente
hört weg – ihr helden – ich rede allein
für asoziale elemente

für arbeiter die nicht mehr arbeiten wollen
für die stromer und wüsten matrosen
für die sträflinge und heimatlosen
für die zigeuner und träumer und liebestollen

für huren in häusern mit schwülen ampeln
für selbstmörder aus zerstörungslust
und für die betrunknen die unbewußt
ein stück von einem stern zertrampeln

ich rede wie die irren reden
für mich allein und für die andern blinden
für alle die in diesem leben
nicht mehr nach hause finden

***) Wird fortgesetzt.

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