Die Jüdin soll den Mund halten

Hohmanns Rede wurde zum Skandal, der CDU-Bundestagsabgeordnete von seiner Partei ausgeschlossen.

Doch 10 Jahre später ist man bereit, den nächsten Schritt zu vollziehen. Dies lässt schon der zentrale Satz des großen erinnerungspolitischen TV-Spektakels ”Unsere Mütter, unsere Väter” erahnen: „Der Krieg wird nur das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen.“ Ausgesprochen wird der Satz von einem jungen deutschen Soldaten am Abend, bevor er in den Vernichtungskrieg in der Sowjetunion zieht. ‚Wir‘, in denen der Krieg ‚das Schlechteste‘ zum Vorschein bringt, sind jene fünf Personen, die im verzerrten ZDF-Universum beispielhaft für ‚unsere Väter, unsere Mütter‘, will heißen: für die Deutschen, stehen, darunter eben auch ein Jude.

Täter als Opfer, Opfer als Täter

Die Interpretation des Satzes liefert Arnulf Baring gleich zu Beginn der Talkshow von Markus Lanz, die das ZDF zwischen dem zweiten und dritten Teil der Eigenproduktion sendete: „Ganz großartig ist ja in dem Film, dass man sieht, dass die ganze Teilung, von der wir seit Jahrzehnten reden, nämlich zwischen Opfern und Tätern, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer.“ Widerspruch bekommt er dafür nicht, aber allerhand Gelegenheiten, deutlicher zu machen, wen er meint: „Diese Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern, die Deutschen sind ein Tätervolk und die Juden sind Opfer… Nein! Auch viele Juden haben sozusagen, das kann man in dem Film auch sehen, haben andere verraten, um ihre eigene Haut zu retten.“ Man wird zum Täter, um die eigene Haut zu retten, man hat keine Wahl und darin sind alle gleich. Deutsche und Juden, alle Opfer und Täter, aber Verantwortung hat eigentlich niemand. Das ist die erinnerungspolitische Essenz des Abends.

Baring scheint sein Glück kaum fassen zu können, das endlich aussprechen zu dürfen, und so tut er es immer wieder. Niemand in der Runde scheint sich groß daran zu stören. Einzig der Journalist Claus Strunz merkt einmal an, es sei ihm „einen Ticken zu vehement“ vorgetragen – nicht aber, ohne seine grundsätzliche Zustimmung zu signalisieren.

Die Jüdin soll den Mund halten

Ein Fremdkörper in der Talk-Runde ist einzig Marina Weisband, die sich trotz des geradezu übergriffigen Drängens von Lanz und Baring weigert, den geforderten jüdischen Beitrag zum Erinnerungsmatsch zu liefern, in dem sich die anderen suhlen. Sie möchte die Diskussion gerne in eine andere Richtung lenken. Statt über das kollektive Leiden der Deutschen an ihrer Geschichte will sie über Gesellschaft reden, darüber, „wie es dazu kommen konnte“ und darüber, ob der heutige Antisemitismus und Rassismus, ob Sarrazin oder NSU vielleicht in einem Zusammenhang zum Nationalsozialismus stehen.

Aufgenommen werden diese Einwürfe freilich nicht. Im Gegenteil, als sie es gegen Ende der Sendung noch ein zweites Mal versucht, pflaumt Gastgeber Lanz sie in beleidigtem Tonfall an. Denn solche Profanitäten interessieren nicht, wenn deutsche Erinnerungskultur produziert wird. Sie sind „viel zu oberflächlich“ (Baring), weil sie nicht das „kollektive Trauma“ (Lanz) der Deutschen betreffen. Es geht hier nicht um gesellschaftliche Prozesse, es geht um „kollektives Erinnern“. Es geht darum, dass Baring die Tränen kommen, wenn er vom Krieg erzählt, und Lanz sich sichtlich über diese „emotionale Erschütterung“ in seiner Sendung freut. (…)

Der Gipfel war damit aber noch nicht erreicht, er kam erst, als Baring meinte, der in Kiew geborenen Jüdin Weisband über das Massaker von Babyn Jar dozieren zu müssen und dafür diese Worte wählte: „Die Deutschen hatten mit 6.000 Juden gerechnet und 36.000 kamen.“ Sie „kamen“ wohlgemerkt, die Juden, und sind nicht etwa selektiert und verschleppt worden. „Und dabei ist den Deutschen klargeworden: Kinder, so können wir das nicht machen. Wir müssen sozusagen ne andere Art machen als da diese Massenerschießungen.“ Und das nennt Baring die „Ursache der Massenvernichtung“. Es waren einfach zu viele Juden gekommen. Wieder ein schwerer Schicksalsschlag für die Deutschen, die wieder zu Tätern gemacht wurden. Schuldlos schuldig.

Kein Widerspruch – kein Eklat

Hat jemand der Anwesenden nun „Halt!“ geschrien? Nein. Denn außer Weisband schienen alle ganz zufrieden in ihrer Erinnerungskultur.

Floris Biskamp, Publikative.org

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Variante

für Schnellleser:

Sehr geehrter Herr R***

Gerne stelle ich mich zunächst kurz vor. Ich habe an der Universität NN ein Studium der Zeitgeschichte und Medien- und Kommunikationswissenschaften und an der Universität OO in Betriebswirtschaftslehre abgeschlossen und anschliessend bei einer der grossen Schweizer Tageszeitungen gearbeitet. Als Gründer und Leiter einer wirtschaftlich und politisch unabhängigen Kulturagentur widme ich mich der Umsetzung innovativer Konzepte, die das kreative Schaffen und kulturelle Leben fordern und fördern. Durch meine langjährige Erfahrung mit der Kunstgalerie XX weiss ich, wie man am richtigen Ort die gewünschte Aufmerksamkeit erzielt. Mit jungen Künstlern, die bereits in renommierten Institutionen wie dem Museum of Modern Art in New York, dem Tate Modern in London oder an der Venedig Biennale ausgestellt haben, erreichen wir pro Jahr über 650.000 Besucher. Durch eine effiziente Nutzung unseres Netzwerkes zu Medien und anderen Institutionen in Verbindung mit den Sozialen Medien und einer ansprechenden Präsentation ist es uns in kurzer Zeit gelungen, viel Aufmerksamkeit und Interesse für einen Bereich zu wecken, der sich ansonsten nur im kleinen Kreis trifft.

Nun möchten wir uns mit grosser Sorgfalt und Geduld und einem ebenso einzigartigen Konzept unserer zweiten Leidenschaft, der Literatur, widmen und ausgewählten Autoren die Möglichkeit bieten in gehobenen Rahmen eine neue Leserschaft anzusprechen. Hierzu gedenken wir bisher unveröffentlichte Kurzgeschichten, Lyrik und Essays einer selektierten Gruppe etablierter Autoren als eBooks anzubieten und so einerseits einem erweitertem Publikum einen exklusiven, kuratierten Zugang zur Literatur und andererseits den Autoren eine Erweiterung zur klassischen Verlagsarbeit zu bieten. Dabei berücksichtigen wir ausschliesslich Autoren, die bereits Bücher veröffentlicht und in Literaturzeitschriften publiziert haben. Obschon auch wir Liebhaber des gedruckten Buches sind, wollen wir mit moderner Technik das Interesse für jene literarischen Formen wecken, die es im gedruckten Bereich unnötig schwer haben. Mit einer kontinuierlichen und zukunftorientierten Umsetzung und Weiterentwicklung des Bildungs- und Kulturangebotes wollen wir nicht nur die Literatur in einem neuen Gewand zeitgemäss präsentieren, sondern zugleich auch die Rahmenbedingungen für Autoren verbessern und einen Grossteil der Einnahmen direkt an die Autoren zurück geben, selbstverständlich ohne dass die Autoren für Kosten aufkommen müssen. Das Urheberrecht verbleibt beim Autor, wir erhalten nur ein zeitlich begrenztes Nutzungsrecht für die entsprechenden elektronischen Inhalte.

Bei Interesse senden wir Ihnen sehr gerne ganz unverbindlich unser Informationsmaterial zu. Unter PPP finden Sie zudem einen Entwurf der Webseite. Selbstverständlich möchten wir die Zusammenarbeit für die Autoren so einfach wie möglich gestalten, daher brauchen wir vom Autor jeweils nur die entsprechenden Inhalte und wir kümmern uns um den Rest. Gerne würden wir bereits im kommenden April mit einem vielfältigen und qualitativ überzeugenden Angebot an die Öffentlichkeit treten und anschliessend durch eine enge Zusammenarbeit mit Fachmagazinen, Blogs und Verlagen, sowie über unsere eigenen Kanäle, eine professionelle Kommunikation und einen kritischen Dialog mit der Leserschaft sicherstellen.

Der Grund meines Schreibens ist demnach, dass ich mich sehr für Ihr Schaffen interessiere und ich Sie nun fragen möchte, ob ich Ihnen weitere Informationen bezüglich einer möglichen Zusammenarbeit zukommen lassen darf?
Ich freue mich von Ihnen zu hören. Ich danke herzlich und verbleibe

Mit freundlichen Grüssen
NN
OOstrasse 53
PP
Schweiz

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Sehr geehrter Herr R***

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Bei Interesse senden wir Ihnen sehr gerne ganz unverbindlich unser Informationsmaterial zu. Unter PPP finden Sie zudem einen Entwurf der Webseite. Selbstverständlich möchten wir die Zusammenarbeit für die Autoren so einfach wie möglich gestalten, daher brauchen wir vom Autor jeweils nur die entsprechenden Inhalte und wir kümmern uns um den Rest. Gerne würden wir bereits im kommenden April mit einem vielfältigen und qualitativ überzeugenden Angebot an die Öffentlichkeit treten und anschliessend durch eine enge Zusammenarbeit mit Fachmagazinen, Blogs und Verlagen, sowie über unsere eigenen Kanäle, eine professionelle Kommunikation und einen kritischen Dialog mit der Leserschaft sicherstellen.

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Vernagelt

All das, was Schirrmacher da schreibt, ist wild zusammengestoppelt, willkürlich zitiert, redundant, an den Haaren herbeigezogen und durch wilde Assoziiererei und Namedropping in eine mehr oder minder zusammenhängende Form gebracht worden. Alan Posener und Cornelius Tittel wiesen in der Welt darauf hin, wie und was Schirrmacher falsch zitiert, Joachim Rohloff sezierte im Merkur Schirrmachers Sprache, hinter vorgehaltener Hand erzählen Redakteure, dass Schirrmacher sich offensichtlich reichlich beim Plot der verschwörungstheoretischen TV-Serie »The Trap« von Adam Curtis bedient habe, viele lachen über das Buch. Andere wiederum, die nicht glauben wollen, dass es Kapitalismuskritik von rechts geben könnte, feiern Schirrmacher als Vordenker der Linken, auch dann, wenn sie sich nicht trauen, ihn ausgiebig zu zitieren, da seine Thesen so hanebüchen sind.

Zudem ist leicht zu erkennen, dass Schirrmacher Ideologie und Algorithmen verwechselt, dass er dem Computer magische Fähigkeiten zuschreibt, dass er fiese Zauberer und Monstermacher am Werke sieht, die uns alle in Homunculi verwandeln wollen – nein, Homunculus sagt er nicht, denn Goethe passt gerade einmal nicht in seine Argumentation.

(…) Schirrmacher will die Maschinen stürmen, weil er seine Ideologie nicht in Frage stellen will. Daher ist sein Buch so vernagelt.

/ Jörg Sundermeier, Jungle World

»Der Sex im Osten

… war keine Ware«

sagt Jutta Resch-Treuwerth in der Tageszeitung mit viel DDR-Erfahrung: junge Welt. Sagen Plakate in Leipzig. Wir sollen am Sonnabend die Zeitung kaufen. Danke, hab schon. Vielleicht sagt die Expertin ja: außer zur Messe. Aber vielleicht sehen sie das dort anders, und der sexuelle Dienst am Klassenfeind war ein politischer Auftrag? Das ändert natürlich alles, und die These stimmt dann wieder irgendwie.

Defensiver Buchpreis

Tatsächlich hat die Jury mit der Auszeichnung von David Wagners autobiografischen Skizzen die einzig denkbare Entscheidung getroffen, die einen Ausweg aus der selbst gestellten Originalitätsfalle ermöglichte. Denn die übrigen Nominierungen in der Belletristik hatten schon bei der Bekanntgabe der Shortlist für allgemeines Kopfschütteln gesorgt.

(…) verdienstvoll diese Kritikernachhilfe, aber nicht mehr. Dafür aber fehlen so wichtige Frühjahrstitel wie die neuen Romane von Eva Menasse, Michael Köhlmeier oder Ernst-Wilhelm Händler. Oder auch der im Herbst zu spät für den Deutschen Buchpreis erschienene „Atlas eines ängstlichen Mannes“, das lang erwartete große neue Buch von Christoph Ransmayr.

Dass eine mit so viel Kompetenz und Erfahrung besetzte Jury (unter dem Vorsitz von Hubert Winkels) so auf Nebensächliches, ja Abseitiges setzte, ist nur erklärbar durch einen Minderwertigkeitskomplex der Leipziger gegenüber der Frankfurter Konkurrenz und ihrem in der verkaufsfördernden Wirkung viel erfolgreicheren Preis. So glaubt man offenbar, auf vermeintlich zu Unrecht Übersehenes oder noch Unbekanntes hinweisen zu müssen – eine defensive Grundhaltung, die gerade nicht von Souveränität zeugt und den Abstand in der Außenwirkung zwischen den beiden wichtigsten Preise für deutschsprachige Literatur (der Büchnerpreis ehrt ein Gesamtwerk) nur noch weiter zu vergrößern droht. / Richard Kämmerlings, Die Welt 16.3.

Stalins Hirn

Auch nach Vogt hielten die Mühen an, in den Hirnwindungen der kommunistischen Gottheit Spuren besonders Genialität zu finden. ‚Kein Gehirn wurde je so genau untersucht‘, sagte ein ehemaliger Direktor des Moskauer Instituts für Hirnforschung, Oleg Adrianov, einmal der britischen Zeitung Independent. Adrianov hat das Gehirn selbst viele Jahre erforscht und seine Ergebnisse abschließend in Successes in Physiological Sciences publiziert, einem Fachorgan der Russischen Akademie. Sein Fazit: Abgesehen von den vielen Pyramidenzellen wand sich die graue Masse wie bei jedem Anderen im Schädel des Revolutionärs. Lenins Hirn war nichts Besonderes.

Noch weniger aber, sagte Adrianov, gebe Stalins Hirn her, das ebenso wie das des Dichters Wladimir Majakowski oder des Dissidenten Andrej Sacharow bei Lenins Hirn im Moskauer Institut verwahrt wird. ‚Stalins Gehirn bietet absolut nichts.‘ / Christina Berndt, Süddeutsche Zeitung 28.2.

Judennase (2)

Nach dem Wühlen in der vornehmbraunen Scheiße völkischer Rassenkunde brauche ich eine Literaturpause. Schon als ich die vorige Folge schrieb, stellten sich Worte aus einem Gedicht Paul Celans ein – eins meiner vielen Lieblingsgedichte und eins meiner liebsten Celangedichte. Es zeigt schön eine oft verkannte Eigenschaft des Dichters – seinen Humor, den auch unvermeidliche Bitterkeit nicht auslöscht. Und sein Plebejertum. Ein Bruder des alten Franzosen François Villon. Er, auch er, steht gegen Dünkel und Pest:

EINE GAUNER- UND GANOVENWEISE
GESUNGEN ZU PARIS EMPRÈS PONTOISE
VON PAUL CELAN
AUS CZERNOWITZ BEI SADAGORA

Manchmal nur, in dunkeln Zeiten,
Heinrich Heine, An Edom

Damals, als es noch Galgen gab,
da, nicht wahr, gab es
ein Oben.

Wo bleibt mein Bart, Wind, wo
mein Judenfleck, wo
mein Bart, den du raufst?

Krumm war der Weg, den ich ging,
krumm war er, ja,
denn, ja,
er war gerade.

Heia.

Krumm, so wird meine Nase.
Nase.

Und wir zogen auch nach Friaul.
Da hätten wir, da hätten wir.
Denn es blühte der Mandelbaum.
Mandelbaum, Bandelmaum.

Mandeltraum, Trandelmaum.
Und auch der Machandelbaum.
Chandelbaum.

Heia.
Aum.

Envoi

Aber,
aber er bäumt sich, der Baum. Er,
auch er
steht gegen
die Pest.

Aus: Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe. Hg. u. komm. v. Barbara Wiedemann. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2003, S. 135f.

Ein Hauptspaß und eine plebejische Verbrüderungsszene schon die Überschrift, durch 1. Nennung unmißverständlicher Berufsbezeichnungen, ein Gauner- und Ganovenfest, es findet in Paris statt am Anfang der 60er Jahre seines Jahrhunderts, das lange auch meins war und es nun schon lang nicht mehr ist. Nicht in einem Nobelviertel der Hauptstadt. „Paris emprès Pontoise“, das war Villons galliger Spott auf die Metropole, die ihn hängen sehn wollte. „Pontoise ist eine Gemeinde mit 29.548 Einwohnern (Stand 1. Januar 2010) nordwestlich der französischen Hauptstadt Paris.“ (Wikipedia).* „Paris bei Pontoise“ (Villon).

Celan, der Sänger**, zitiert Villon gleich noch einmal, indem er mit beider Dichtung auch ihre Biographie verbandelt. Er stammt aus der Metropole Czernowitz, der Stadt, in der Bücher und Menschen lebten, aber hier schließt er sich Villons Metropolenschmäh an. „Sadagora, rumänisch Sadagura; russisch Садгора) ist ein Mikrorajon von Czernowitz“ (Wikipedia). Die Plebejer drehen den Spieß um: Czernowitz bei Sadagora. Der Spaß kann beginnen.***

*) Aus Diderots Enzyklopädie, Bd. 13 (1765):

PONTOISE ou PONT-OYSE, (Géogr. mod.) c’est-à-dire pont sur la riviere d’Oyse, en latin Brivisara, selon l’Itineraire d’Antonin, & Brivaisara, selon la Table de Peutinger ; ville de France, capitale du Vexin françois, sur la riviere d’Oyse, qu’on passe sur un pont à 20 lieues au sud-est de Rouen, & à 7 au nord-ouest de Paris. Il y a un bailliage & une élection, une collégiale, une abbaye d’hommes de l’ordre de saint Benoît ; plusieurs paroisses & communautés:l’archevêque de Rouen y tient un grand-vicaire.

Cette ville fut prise d’assaut sur les Anglois en 1442. Les états généraux y furent assemblés en 1561. Le parlement de Paris y a été transféré trois fois, savoir en 1652, en 1720, & en 1753 ; mais de telles translations ne peuvent jamais être de longue durée, parce que les affaires publiques en souffriroient un trop grand dommage. Long. 19d 45′. lat. 49d 3′.

(…)

Villon (François), ainsi qu’il se nomme lui-même dans ses poésies, & non pas Corbueil, comme l’ont écrit vingt auteurs depuis Fauchet, naquit selon plusieurs auteurs en 1431, à Auvers, près de Pontoise, & selon d’autres plus probablement, à Paris.

Quoi qu’il en soit, Villon avoit beaucoup d’esprit & un génie propre à la poésie ; mais se livrant sans mesure à son tempérament voluptueux, il se jetta impétueusement dans la débauche, & par une suite presque inévitable de la débauche, dans la friponnerie. Il en fit de si grandes qu’il fut condamné à être pendu par sentence du châtelet ; mais le parlement de Paris commua la peine de mort en celle de simple bannissement. Il est vraissemblable que son crime étoit quelque vol d’église, de sacristie, pour avoir dérobé les ferremens de la messe, & les avoir mussez soubs le manche de la paroece, ainsi que s’exprime plaisamment le satyrique Rabelais. Villon mourut vers la fin du quinzieme siecle ou le commencement du seizieme, soit à Paris, soit à Saint-Maixent en Poitou.

On a donné plusieurs éditions de ses Œuvres ; la premiere est à Paris, chez Antoine Verard, sans date & en caractere gothique ; la seconde est à Paris chez Guillaume Nyverd, sans date également, & pareillement en caractere gothique ; ensuite chez Gaillot du Pré en 1532 & 1533, in-16. Enfin les deux meilleures éditions sont celles de Paris en 1723, chez Coustelier, in-8°. & à la Haye plus complettement, en 1742, in-8°.

Les ouvrages de Villon consistent dans ses deux testamens, ses requêtes, des rondeaux, des ballades, &c. Le style simple, léger, naïf & badin en fait le caractere. Despréaux dit en parlant de ce poëte :

Villon sut le premier, dans ces siecles grossiers, Débrouiller l’art confus de nos vieux romanciers.

(Le Chevalier de Jaucourt.)

Ich übersetze eine Passage über Villon:

Jedenfalls hatte Villon viel Geist & eine echte Begabung für die Dichtkunst, aber da er sich maßlos seiner wollüstigen Veranlagung ergab, warf er sich in Ausschweifungen, und als eine fast unvermeidliche Folge der Ausschweifungen in Schurkerei. So schlimm, dass er zum Hängen verurteilt wurde. Doch das Parlament von Paris wandelte die Todesstrafe in einfache Verbannung um. Wahrscheinlich bestand sein Verbrechen in Kirchenraub, daß er das Meßgerät gestohlen und unter dem Glockenturm des Dorfs versteckt hatte, wie es der Satiriker Rabelais liebenswert ausdrückt.

**) Anmerkung für Germanisten: kein lyrisches Subjekt, sondern der Plebejer Paul Antschel, den es aus Galizien an die Seine verschlagen hat, fragen wir jetzt nicht wieso, denn er singt seinen Freunden ein Scherzlied. Ein Jahrzehnt vorher und ausgerechnet im grauen Ostberlin hatte eine Dichterin, Christa Reinig, unter anderen Umständen so gesungen:

HÖRT WEG!

kein wort soll mehr von aufbau sein
kein wort mehr von arbeit und altersrente
hört weg – ihr helden – ich rede allein
für asoziale elemente

für arbeiter die nicht mehr arbeiten wollen
für die stromer und wüsten matrosen
für die sträflinge und heimatlosen
für die zigeuner und träumer und liebestollen

für huren in häusern mit schwülen ampeln
für selbstmörder aus zerstörungslust
und für die betrunknen die unbewußt
ein stück von einem stern zertrampeln

ich rede wie die irren reden
für mich allein und für die andern blinden
für alle die in diesem leben
nicht mehr nach hause finden

***) Wird fortgesetzt.

Wahres Wort

Aus einer Mailingliste, 28.2. 2013:

Im Jahr 2009 gab es in ganz Deutschland Gedenkfeiern zum zweitausendsten Jahrestag der Schlacht im Teutoburger Wald…. aber nach 60, 70 Jahren soll man doch gefälligst Auschwitz vergessen und gewisse stattgefundene (und stattfindende!) Antisemitismen von deutschen Autoren, Germanisten, Literaturwissenschaftlern nicht soooo genau nehmen…