Weniger Berlin

Denn die Literatur kommt – wie der sprichwörtliche Hase – immer zu spät, wenn sie die Jetztzeit erzählerisch einzuholen versucht.

Auch daran mag Schiller gedacht haben, als er am Ende des zehnten seiner Briefe «Über die ästhetische Erziehung der Menschen» schrieb: «Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt, der wird nie die Wahrheit erobern.» Die Grenzüberschreitung, die jede Kunstanstrengung, jeder Roman und jedes Gedicht darstellen, muss ihrerseits wieder zu einer Grenzerfahrung werden. Vergesst die Mitte, und vergesst die gemässigten Zonen des Erzählens; sucht die Ränder auf, wo sie wegbrechen! So möchte man verzagten Autorinnen und Autoren zurufen. Was wüssten wir vom Eros und vom Elend des Menschseins ohne Emma Bovary, dieser Grenzgängerin am äussersten Rand der Provinz, und was vom politischen und wirtschaftlichen Aufbruch nach 1848 ohne Gottfried Kellers «Leute von Seldwyla». Schwimmt gegen den Strom und die Zeit. Seid Anarchen und anachronistisch! Mehr Seldwyla, bitte sehr, und weniger Berlin! / Roman Bucheli, NZZ

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