Goddam literature

«I know it when I see it.» Mit dieser Formel zog der Supreme-Court-Richter Potter Stewart im Jahr 1964 eine ebenso klare wie subjektive Grenze zwischen obszönen Machwerken und erotischer Kunst. In der Tat ist es schwierig, Pornografie allgemein zu definieren, und einfach, sie im Einzelfall zu erkennen. Allerdings muss man das inkriminierte Objekt überhaupt erst einmal zur Kenntnis nehmen. (…)

(…) Das ist klar der Ausdruck einer sexuellen Obsession, aber gleichzeitig auch die fein ziselierte Rede eines Gebildeten, der in der erotischen Weltliteratur wohlbewandert ist. Nabokov führt hier eine Tradition weiter, die bis auf das biblische Hohelied zurückgeht: «Wie süss ist dein Kosen, meine Schwester und Braut! Von Honigseim triefen deine Lippen, Braut, unter deiner Zunge ist Honig und Milch. Dein Schoss ist ein Park von Granatbäumen mit allerlei köstlichen Früchten. Die Biegungen deiner Hüfte sind wie Halsgeschmeide, gefertigt von Künstlerhänden. Deine Brüste sind gleich zwei Böcklein, Zwillingen der Gazelle. Dein Hals ist wie ein Turm von Elfenbein, dein Haupt auf dir gleicht dem Karmel.» Nicht nur in solchen Wortkaskaden wird die Sprache selbst im Roman zum Objekt der erotischen Begierde. (…)

Ausserdem sind im Romantext zahlreiche Anspielungen auf Geschlechtsorgane und sexuelle Akte in Anagrammen oder Wortspielen verborgen. Für jene Leser, die über eine hohe philologische Kompetenz verfügen, erweist sich «Lolita» also in der Tat als pornografischer Roman. Aber gerade der komplizierte hermeneutische Dechiffrierprozess, der zu diesem Befund führt, macht den pornografischen Eindruck sofort wieder zunichte. (…)

Justice Potter Stewarts Pornografie-Test funktioniert nämlich auch in der umgekehrten Richtung. Alfred Appel, der in Cornell Nabokovs Student war und später eine akribisch kommentierte Ausgabe von «Lolita» herausbrachte, erinnert sich, wie er 1956 als Soldat in den Koreakrieg eingezogen wurde. In einer Buchhandlung hatte er auf einem der grünen Bände der berüchtigten Olympia Press den Namen seines ehemaligen Professors gesehen: Zwischen den Titeln «Until She Screams» und «The Sexual Life of Robinson Crusoe» stand «Lolita». Appel kaufte den Band neugierig und brachte ihn in die Baracke. Dort stürzten sich seine Kameraden auf das Buch, warfen es jedoch nach der Lektüre weniger Seiten weg mit dem enttäuschten Ausruf: «It’s goddamn literature!» / Ulrich M. Schmid, NZZ 9.2.13

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