Graeco-Ugrisch?

Die Frage nach der Herkunft ihrer Sprache beschäftigt in Ungarn nicht nur Linguisten, sondern breite Teile der Bevölkerung. Die wissenschaftlich belegte finnisch-ugrische Verwandtschaft wird zuweilen emotional und mit Phantasie und Patriotismus bekämpft.
Gábor Fónyad-Joó, aus: Neue Zürcher Zeitung 16.1.13

Ungarisch gehört – wie auch Finnisch, Estnisch, Samisch oder Udmurtisch – zur finnisch-ugrischen Sprachfamilie, so wie Deutsch eine indogermanische Sprache ist. Das besagen die Ergebnisse der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft, die sich auf strenge Lautwandelgesetze, Gemeinsamkeiten in der grammatischen Struktur und einen ererbten Grundwortschatz stützen. An sich ist das keine aufregende Sache.

Allerdings wollen sich viele Ungarn nicht damit zufriedengeben. Sie glauben nicht so recht daran: Die finnisch-ugrische Sprachverwandtschaft sei eine im 19. Jahrhundert von den Habsburgern erfundene Theorie gewesen, um das Nationalbewusstsein der Ungarn auszuhöhlen. Das verkünden in innerstädtischen Buchhandlungen erhältliche Bücher und Zeitschriften, die erstrangierten Suchergebnisse nach der ungarischen Sprache im Internet oder ältere Herren in Vorträgen und in privaten Gesprächen. Nicht wenige «Ungarntumsforscher» haben sich aber schon längst auf die Suche nach vornehmeren Vorfahren gemacht, und ihre Ergebnisse lassen sich sehen: Sumerisch, Persisch, Skythisch, Latein, Etruskisch, die Turksprachen, Äthiopisch, Ägyptisch, Englisch, Japanisch und Griechisch stehen ganz oben auf der Wunschliste. Der Phantasie scheinen diesbezüglich keine Grenzen gesetzt zu sein.

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