Aus dem wirklichen Leben

 

Ich brauche eure Hilfe .Ich bin am Ende mit meinen Latein. Meine Freundin mag mich, aber sie ist sooo schüchtern. Ich habe es ihr gesagt aber sie macht es immer noch. Das Alter kann es nicht sein, denn sie ist 11. Was soll ich machen?
———
Gib ihr etwas Zeit, denn: Ja! Sie ist gerade 11 Jahre alt!
Du bist vermutlich ihr erster Freund, da brauch sie etwas mehr Verständnis von deiner Seite.

Judennase (1)

Jetzt wird er wieder sagen, ich beobachte „ihn“ systematisch. Weit gefehlt. Weder literarisch noch wissenschaftlich noch publizistisch ist der Dichter Lammla mir besonders wichtig. (Okay, in aufsteigender Stufung). – Ich suchte ein Zitat aus der NS-Zeit oder eigentlich nur Beispiele für einen Wortgebrauch. Archive.org ist wirklich eine Fundgrube… nicht nur für Wortsucher und Buchliebhaber, sondern auch zB für bekennende Rechtsradikale und ihre Sympathisanten, die evtl. nicht so genannt werden wollen. Wie google die Altbestände nordamerikanischer Bibliotheken, scannen sie Reden ihres Führers, Ausgaben des „Stürmer“ oder Gedichte des HJ-Führers Baldur von Schirach liebevoll ein. Oft gibt es die Dateien nicht als visuelle pdf, sondern nur im abgeschriebenen bzw. mit den üblichen Fehlern gescannten und dann als pdf ausgedruckten Text. Ich nehme an, daß manche Kameraden die Frakturschrift nicht lesen können. Nun können sie Will Vespers brünstige Verse an den Führer leicht lesen:

Hammer muß sein,
daß Eisen Stahl wird;
Hammer muß sein,
daß Masse Volk wird.

Pflug muß sein,
daß Erde Brot wird;
Pflug muß sein,
daß Leben aus Tod wird.

Schwert muß sein,
daß Ehre gewahrt wird;
Schwert muß sein,
daß Blut zu Saat wird.

Nur einer darf vollenden
solch Werk mit frommer Hand:
Gott selber muß ihn senden.

Gott hat ihn uns gesandt!

Außer diesem Altmaterial gibt es reichlich „Neues“ – Verschwörungstheorien und halt so -beweise à la „die große Sauna von Auschwitz“, die „jüdisch infiltrierte Wikipedia“ etc. pp. Ein Autor namens „Die Volksaufklärer“ – natürlich über „Die talmudische Weltverschwoerung [nicht was Sie denken] der Juden“ – traut seinem Material nicht ausreichend und gibt detaillierte Leseanleitungen, eine Probe, man beachte die originellen Wortspiele:

Grundwissen ueber die politische Klasse: Hoeren und staunen Sie, was ueber den Kinofilm – die mondverschwoerung – zur Beschmutzung von deutschen Wahrheitssuchern von dem BRDisrael-Regisseur Thomas Frickel und dem USrael-Heimatschutz-Agenten Dennis Mascarenas (…) zu hoeren ist.

Hören was zu hören ist… sie haben ein Faible für Kreisel. – Das geht ellenlang weiter, es folgen viele Links, Schulungshefte mit Seriennummern – archive.org ist inzwischen ein Hauptkanal zur Verbreitung ihres Schulungsmaterials. (Früher mußten sie noch in die Buchhandlung gehen, wo sie aus irgendeinem Grund auffielen, wenn sie eine Ausgabe der „Edda“ – „Die Geschichten, nicht die Lieder“, soviel wußten sie schon – bestellten.) Dann noch ein Link auf den Artikel „Juden“ bei Metapedia. Meta, Meta, wo habe ich das vor kurzem gehört, das seh ich mir an.

Und Lammla? – Geduld.

Die Seite ziert ein brekerähnlicher Jünglingskopf.

Als Juden (hebr. יהודים, transliteriert Jehudim) bezeichnet man die Angehörigen der jüdischen Volks- bzw. Religionsgemeinschaft (→ Judentum).

Volksgemeinschaft, ja. (Haben Juden das auch?)

Sie sind fast über alle Länder der Welt verstreut, ca. 13 bis 15 Millionen Menschen; etwa die Hälfte davon lebt heute im jüdisch besetzten Palästina, auf dem Gebiete des Besatzungsstaates Israel.

Nein, keine Hamas-, eine waschecht „völkische“ Seite.
Der Artikel bemüht sich um Sachlichkeit – auf recht niedrigem Niveau.

Im Hinblick auf eine religiöse Betrachtung gehen die Ursprünge der Juden, auch Hebräer genannt, gemäß Tanach und Altem Testament der Bibel zurück auf den Stammvater der Zwölf Stämme Israels Abraham; letztere sind Gegenstand des von einem unbenannten Autor geschriebenen 2. Buches Mose der Bibel.

Ja, richtig, in einem seriösen Lexikon muß man die Quellen exakt angeben. Zu dumm, daß das 2. Buch Mose keinen Verfassernamen trägt.

Aber man kommt auch regelmäßig nach ein paar „weichen“ Sätzen zur Sache.

Sehr viel Raum nehmen Körpermerkmale ein:

Die verhältnismäßig geringe Körperhöhe ist bedingt durch die geringe Beinlänge der Juden. Der russisch-französische Anthropologe Joseph Deniker machte auf die im jüdischen Volk verbreitete Schmalbrüstigkeit aufmerksam, einer „Kleinheit des Brustumfangs“[34], ebenso sprach der Gynäkologe Carl Heinrich Stratz von einem flachen Brustkasten vieler Juden.[35] Ein schwach entwickelter Brustkorb, der ein durch Umwelt und Tätigkeit bis zu einem gewissen Grade beeinflußbares Merkmal darstellt, und verhältnismäßig kurze Arme ergeben jedes für sich und noch mehr beide zusammen die verhältnismäßig geringe Spannweite (Klasterweite), die man innerhalb verschiedener Judengruppen festgestellt hat. Joseph Stratz spricht zudem von einem Vorkommen krummer Beine, von „schwachen Waden“ vieler Juden spricht H. Schaaffhausen. Bei Jüdinnen tritt oft ein besonders breites Becken auf, dessen ziemlich plötzlich einsetzendes Breitenwachstum zwischen etwa dem 15. und 18. Lebensjahr besonders auffällt.

Okay, da haben sie und ihre Gewährsleute genau hingesehen.

Nicht nur dieser eine Satz hat etwas Merkwürdiges:

Die „Judennase“ ist weltweit das bekannteste rassische Merkmal der Juden, obwohl diese bei den Juden seltener auftritt, als gemeinhin bekannt.

Was bedeutet das? Die Nase ist 1. das bekannteste Merkmal, obwohl sie 2. bei den Juden seltener auftritt 3. als bekannt.

– Wenn nicht bei den Juden, bei wem dann? Die Frage muß doch erlaubt sein.

(Nächstens mehr)

Holzhacken

Ich schrecke vor der Aufgabe zurück, Ihnen schriftstellerische Arbeiten zu verschaffen, für welche Sie Honorar beanspruchen. Sobald Ihre Leistungen selbst den Beweis geliefert haben, daß sie wirklich wertvoll sind, werden Sie nie mehr herumzugehen brauchen, um nach litterarischer Beschäftigung zu suchen. Sie werden alle Hände voll zu thun bekommen und mehr Grütze im Kopf nötig haben, als Ihnen vielleicht jemals zur Verfügung steht, um nur die Hälfte der Arbeit zu verrichten, die man Ihnen antragen wird. Will der angehende Schriftsteller den Beweis beibringen, daß er wirklich etwas Gutes zu leisten vermag, so weiß ich ein ganz einfaches Mittel, ein vollkommen sicheres Verfahren, um diesen Zweck zu erreichen: er schreibe so lange ohne Bezahlung, bis ihm jemand Honorar anbietet. Wird ihm im Lauf von drei Jahren kein Honorar angeboten, so darf er dies mit vollem Vertrauen als ein Zeichen betrachten, daß ihn die Natur zum Holzhacker bestimmt hat. Wenn er auch nur ein Körnchen Weisheit besitzt, wird er sich mit Würde zurückziehen und den ihm vom Himmel verordneten Beruf ergreifen.

Mark Twain: Skizzenbuch. III. Band. Verlag von Robert Lutz, 1892. (Mark Twains ausgewählte Humoristische Schriften)

Mehr

Kino ist anders

Perlentaucher über die heutige Süddeutsche Zeitung:

Auf der Medienseite sammelt die SZ Vorschläge zur Änderung des öffentlichrechtlichen Rundfunksystems. Für die Reportage auf Seite Drei mischt sich Peter Richter in Los Angeles unter die deutsch-österreichischen Abgesandten für den Oscar und erfährt dabei vom Haneke-Produzent Veit Heiduschka warum das österreichische Kino gegenüber dem deutschen so im Vorteil ist: Die deutsche Filmförderung funktioniert nicht, „weil die Fernsehanstalten mit in den Jurys sitzen und deswegen mitsprechen über Inhalte – und natürlich wollen die gerne ein Primetime-Programm für 20.15 Uhr! Kino ist aber anders. Bei uns in Österreich entscheidet eine Jury von Fachleuten, und erst hinterher kann das Fernsehen sagen, ob es Interesse hat oder nicht. Es darf nicht reinreden. … Wir konnten einfach immer radikaler sein.“ Und Christopher Waltz kann sich „nicht mehr vorstellen, dass ARD und ZDF noch ohne Blutvergießen zu verändern wären“.

Dunkelziffer

Der Oscar-nominierte Dokumentarfilm „The Invisible War“ erzählt von ungesühnten Vergewaltigungen im amerikanischen Militär.

Auf 10.000 Männer und 9000 Frauen wird die Dunkelziffer der jährlichen Vergewaltigungen in den US-Streitkräften geschätzt. Exakt 3223 Fälle wurden 2012 angezeigt, 529 Täter wurden von Militärgerichten verurteilt, 175 verbüßen eine Haftstrafe. (…)

Anders als kriminelle Priester, die nicht vor Strafe durch zivile Gerichte geschützt sind, unterliegen amerikanische Soldaten der Militärgerichtsbarkeit. Kommandeure hatten bis vor Kurzem das Recht, die Strafverfolgung eines angezeigten Falls zu verhindern oder zu betreiben. Kirby Dick berichtet nicht ohne Stolz, dass Verteidigungsminister Leon Panetta zwei Tage nach einer Vorführung von „Invisible War“ im Pentagon dieses herrschaftliche Kommandeursrecht, in Personalunion als Ankläger, Richter und De-facto-Begnadiger aufzutreten, kassierte. Es existiert nicht mehr. (…)

Das immer Gleiche ihres Leids ist schwer zu ertragen. Dazu treffen uns Stiche, wie durch das Unwort „Selbstbedienung“. Es fällt mehrfach für Vergewaltigung, es steht für die Verächtlichmachung ihres Leids durch Kameraden.

„Stell dich nicht an“, sagt man am ersten Tag einer der Frauen, die es zu den „Besten der Besten“ der Marines in Washington schafft. Sie tun im Weißen Haus Dienst und auf dem Soldatenfriedhof Arlington. Amerikas Elite in Uniform. Sie erinnert sich an ihre Diensteinweisung durch einen Offizier: „Willkommen, Kameradin, Frauen dienen hier, um gevögelt zu werden.“

Bislang lief der Film hauptsächlich auf amerikanischen Festivals, für Deutschland gibt es keinen Verleih. / Uwe Schmitt, Die Welt

Vorstellung

HELLAS 1971 // A: Ich stelle mir ein Land vor, in dem die Kunstkritiker ihre Büros im Polizeipräsidium haben – und zwar im Souterrain, knapp über den Folterkellern, die Ästhetiker sitzen  zwei Etagen höher …../ B: … meistens in längeren Sitzungen …../ A: … und in denen nicht geraucht werden darf …./ B: … aus Gesundheitsgründen …..

Adolf Endler: CITATTERIA & Zackendullst. Notizen Fragmente Zitate. Berlin: Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße 1990, S. 57.

2 virgins

Der erste und im Zweifelsfall richtige Reflex: die Künstlerin verteidigen gegen das zwar nachlassende aber immer noch majoritäre Hate Speech-Bashing, das regelmäßig einsetzt, wenn Yoko Ono irgendwo auftaucht, geschweige denn den Mund aufmacht. Manchmal setzt auch bloß ein wissendes Grinsen ein. Es ist das leicht verkniffene Grinsen von Männern, die wissen, daß man sowas nicht sagen darf aber eigentlich finden, man müsse das doch sagen dürfen: daß Yoko Ono nicht singen kann; daß Yoko Ono eine Nervensäge ist; daß Yoko Ono die Beatles auf dem Gewissen hat; daß Yoko Onos Kunst nicht von Können kommt; daß Yoko Ono häßlich ist; daß Yoko Ono ohne John Lennon rein gar nichts wäre; daß Yoko Ono Hängetitten hat, schon damals, auf dem »Two Virgins«-Cover. Doch, es gibt sie noch, die mühsam zum Schweigen gebrachte Mehrheit, die sich in den P.C.-Debatten der letzten Wochen hier und da aus der Deckung traut. Man wird doch wohl noch mal…Hängetitten sagen dürfen.

Der eigentliche Skandal am Cover von »Two Virgins« besteht 1968 nicht in der unschuldigen Nacktheit von John & Yoko, es sind die Brüste von Yoko Ono, über die sich Männer (und nicht wenige Frauen) aufregen: wie kann sich eine Frau mit so großen Brüsten, die derart hängen, nackt fotografieren lassen? Fragen auch Linke. Zur selben Zeit versuchen 68er-Blätter wie Konkret und Pardon mit – makellosen – nackten Frauen auf dem Cover Kunden zu locken – im Namen der sexuellen Revolution. In diesem Kontext sind die Brüste der Yoko Ono ein Politikum, ein Affront gegen Schönheits-Diktate und – das erfahren wir in der Retrospektive – Teil einer wohlüberlegten Körperpolitik. / Klaus Walter, junge Welt

2virginsa

Weniger Berlin

Denn die Literatur kommt – wie der sprichwörtliche Hase – immer zu spät, wenn sie die Jetztzeit erzählerisch einzuholen versucht.

Auch daran mag Schiller gedacht haben, als er am Ende des zehnten seiner Briefe «Über die ästhetische Erziehung der Menschen» schrieb: «Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt, der wird nie die Wahrheit erobern.» Die Grenzüberschreitung, die jede Kunstanstrengung, jeder Roman und jedes Gedicht darstellen, muss ihrerseits wieder zu einer Grenzerfahrung werden. Vergesst die Mitte, und vergesst die gemässigten Zonen des Erzählens; sucht die Ränder auf, wo sie wegbrechen! So möchte man verzagten Autorinnen und Autoren zurufen. Was wüssten wir vom Eros und vom Elend des Menschseins ohne Emma Bovary, dieser Grenzgängerin am äussersten Rand der Provinz, und was vom politischen und wirtschaftlichen Aufbruch nach 1848 ohne Gottfried Kellers «Leute von Seldwyla». Schwimmt gegen den Strom und die Zeit. Seid Anarchen und anachronistisch! Mehr Seldwyla, bitte sehr, und weniger Berlin! / Roman Bucheli, NZZ